Klappentext
Die Welt ist nur ein Spiel – das Überleben der Menschheit der Preis.
Ein DAEMON hat die digitale Welt erobert, und wer das Internet beherrscht, beherrscht auch den Planeten. Die Menschen, die sich ihm unterordnen, erleben die Realität wie ein Computerspiel und werden mit ungeheuren Kräften ausgestattet. So gewinnt der DAEMON nach und nach immer mehr Macht jenseits der Datenströme. Und staunend erkennt die Menschheit: Vielleicht ist das die Rettung der Zivilisation.
Doch diejenigen, die bisher das Sagen hatten, wollen sich nicht kampflos entthronen lassen. Auf allen fünf Kontinenten treten die Söldnerarmeen des Global Business an gegen den DAEMON. Und bald herrscht Terror in allen Ländern, brennen Städte und Dörfer, rüsten sich zwei Heere zur letzten Schlacht.
Die Fortsetzung des Bestsellers «DAEMON»
Meine Meinung
Wenn du Band 1, Daemon, noch nicht kennt, solltest du das nachholen, bevor du diese Rezension liest – sonst nimmst du dir eine Menge Spannung. Der erste Band der Dilogie endet damit, dass die von Matthew Sobol etablierte KI „Daemon“ sich etabliert hat. Der Daemon verdient Milliarden, indem er Firmen mit der Vernichtung ihrer Daten droht, wenn diese ihn nicht bezahlen. Mit dem Geld rekrutiert er Menschen, die ihm in der physischen Welt helfen, seine Ziele, beziehungsweise die von Matthew Sobol, zu erreichen.
Es ist schwer, in diesem Buch die Hauptfigur auszumachen. Am ehesten ist es Detective Sergeant Pete Sebeck, den der Daemon zum Schluss des ersten Bandes vor der Hinrichtung bewahrte und auf eine Quest schickte. Er soll zu einer Entscheidung kommen, ob es gut war, dass Matthew Sobol den Daemon aktivierte oder nicht. Zusammen mit den Leserinnen und Lesern des Buches wird er erstaunliche Entdeckungen machen.
Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag, indem wir das Ende von Anthony Hollis erleben, einem Wall-Street-Titanen. Dieser wird mitten in der Nacht von seinem Sicherheitschef Metzger geweckt, der ihm mitteilt, das Haus werde angegriffen, Die Funkverbindung sei gestört, weshalb es nicht möglich sei, die Polizei zu rufen. Er solle sich in den Sicherheitsraum begeben. Hollis folgt dieser Aufforderung, jedoch ohne seine junge Geliebte Mary mitzunehmen, die er kaum kennt. Hinter der Tür aus zehn Zentimeter dickem Stahl wähnt er sich gut aufgehoben, denn der Raum verfügt über Überwachungsbildschirme, ein Notfalltelefon und ist mit einem gewissen Luxus ausgestattet. Hier kann er gelassen auf seine Rettung warten. Glaubt er.
Die Dinge entwickeln sich jedoch anders: Das Notfalltelefon funktioniert nicht, der Strom fällt aus – nur die Notbeleuchtung im Haus brennt – und vor der Villa liegt eine Securitykraft ohne Kopf in ihrem Blut. Starr vor Schreck beobachtet Hollis auf seinen Monitoren, wie seine Security versucht, die Villa gegen die Angreifer zu verteidigen. Was dann passiert, gebe ich ausschnittweise wieder:
Da barsten plötzlich die Flügel des Portals auf: Metallteile, Holzsplitter und Glas spritzten lautlos auf den polierten Steinboden. Etwas Motorradgroßes war mit hohem Tempo durch die Tür gebrochen und gegen die Rückwand geprallt, nachdem es den großen antiken Tisch im Foyer zerlegt hatte. Rauch breitete sich aus.
Die Überwachungskamera zeigte Security-Leute, die von der Galerie oben das Feuer eröffneten. Schon rasten weitere dunkle Schemen zum Portal herein. In der Schummelbeleuchtung und dem Rauch konnte Hollis kaum etwas erkennen. Sie bewegten sich schnell – durchs Foyer und die breite Treppe hinauf. Im Nu waren sie aus dem Bild. Hollis klickte hektisch herum, um eine Kamera zu finden, die ihm zeigte, was geschah.
Auf einem Monitor sah er jetzt sein eigenes Schlafzimmer – diese Kamera hatte er zur Vorbeugung gegen Scherereien wegen angeblicher sexueller Nötigung installieren lassen (man wusste ja nie, welche Vergewaltigungsszenarien sich junge Frauen im Nachhinein zusammenphantasierten). … Hollis sah jetzt, wie Metzger Mary am Arm packte und aus dem Bett zog. Sie war nackt und schrie, doch den muskulösen Deutschen beeindruckte das nicht. Auf dem Monitor brüllte Metzger sie lautlos an und deutete unter das Bett, ließ dann ihren Arm los, um auf irgendetwas draußen im Flur zu reagieren.
Metzger richtete die Waffe auf die Türöffnung, während Mary hinter ihm unters Bett kroch, und im nächsten Moment feuerte der Sicherheitschef kurze Garben. … Eine Flammenklinge schoss aus Metzgers Waffe und erhellte sein angespanntes Gesicht – aber nur kurz, dann raste ein dunkles Etwas ins Bild und vollführte mit Zwillingsklingen eine blitzschnelle Bewegung, die Metzger in drei Teile zerlegte: Kopf, Rumpf und Beine. Die Klingen fuhren wieder hin und her, unmenschlich schnell, und schnitten die Stücke wiederum in Stücke. Metzgers Körper wurde zerteilt wie ein geschlachtetes Rind, und Blutiger Brei spritzte durchs Zimmer.
Hollis starrte entsetzt auf den Monitor. Das dunkle Etwas bewegte sich weiter ins Zimmer hinein. Dabei ließ es die Zwillingsklingen rotieren, um das Blut loszuwerden, und verwandelte die Wände in eine makabre Galerie moderner Kunst.
Was die Kamera jetzt im Schummerlicht der Notbeleuchtung zeigte, war eine Maschine – vertraut und fremdartig zugleich. Ein schweres Rennmotorrad – aber ohne Fahrer, es gab nur eine Reihe Peitschenantennen und Sensoren. Die ganze Maschine war mit Klingen überzogen, die an beiden Seiten wie Flossen hervorstanden. Wo normalerweise der Lenker gewesen wäre, saßen Zwillingsschwerter auf mechanischen Armen. Das Motorrad war von vorn bis hinten blutverschmiert, als hätte es auf dem Weg hierher Hollis‘ gesamtes Sicherheitsteam zerstückelt. …
Rotierende grüne Laserstrahlen kamen aus den Scheinwerfergehäusen der Maschinen. Das Ganze hatte etwas von einer Lasershow, als die Strahlen durch den Rauch von Metzgers MP-Feuer drangen und über die Wände und die schattendunkel stehenden Möbelstücke glitten – offensichtlich suchend.
Ohne Vorwarnung preschte eins der Motorräder ins Badezimmer. Hollis konnte im Spiegel sehen, wie es durch die dünne Tür des Ankleideraums barst. Die gab nach wie Papier, und jetzt hörte Hollis live das gedämpfte Grollen eines starken Zweiradmotors unmittelbar hinter der Tür seines Sicherheitsraums.
Das Ding wusste, wo er war.
…
Plötzlich klingelte der Hausapparat vor ihm auf der Konsole. Hollis zuckte erschrocken zurück. Er sah wieder auf den Monitor. Die blutverschmierte Maschine stand reglos da, noch immer genau auf die Geheimtür ausgerichtet.
Das Telefon klingelte wieder. Hollis starrte es an. Vielleicht war es ja jemand vom Security-Team? Er drückte die Freisprechtaste. »Hallo?«
Kurz war Stille in der Leitung – doch dann hörte er über Raumklang seine eigene Stimme. Sie sprach schnell, wie es Hollis bei geschäftlichen Telefonaten zu tun pflegte …
»Selbst wenn die US-Märkte crashen, machen wir Geld. Bewegung ist alles, was wir brauchen – ob aufwärts oder abwärts ist egal …«
Es war eindeutig seine Stimme. Jemand hatte sein Telefon angezapft.
Weitere Zitate von Hollis folgen, und wir ahnen es: Den Maschinen gelingt es, die Tür zum Securityraum aufzubrechen und den skrupellosen Wall-Street-Titan zu töten. Später erfahren wir, dass Loki Stormbringer, den wir im ersten Teil der Dilogie als Brian Gragg kennenlernten, die Hinrichtung des skrupellosen Finanzmanager beauftragt hat.
Wir haben es also mit einer aktionsgeladenen Handlung zu tun, doch sie macht nur einen Teil des Buches aus. Zunächst folgen wir Pete Sebeck auf seiner Quest, die im mittleren Westen der USA stattfindet. Dort lernt er zunächst Anhänger des Daemon kennen, die sich im Darknet organisiert haben. Pete hält sie alle für Verbrecher, muss sein Urteil jedoch nach und nach – widerwillig– korrigieren. Zum Beispiel genießt der brutale Vollstrecker Loki Stormbringer bei kaum jemandem in der Gemeinde des Daemon Sympathien. Pete erkennt, dass ein Großteil dieser Menschen daran arbeitet, Nachhaltigkeitsprojekte in die Praxis umzusetzen. Dies geschieht weltweit, doch in der Handlung konzentriert sich Suarez auf den mittleren Westen der USA und die Probleme der Landwirte. Diese bauen Mais und Soja an und werden von amerikanischen Großunternehmen ausgebeutet. Hier klingt die fundamentale Kritik des Autors am jetzigen Wirtschaftssystem an, was sich durch die gesamte Handlung zieht.
Danach führt die Quest Sebeck zu den Anasazi, einer untergegangenen Hochkultur, die Jahrhunderte lang bestand und innerhalb weniger Jahrzehnte unterging. Es gehört zu den starken Stellen des Buches, dass der Daemon diese Kultur mittels virtual reality zum Leben erweckt, sodass Sebeck die sechs Stockwerke hohe Anlage, die sechshundert Räume hatte, vor Augen hat.
Der Niedergang ihrer Kultur wird hauptsächlich auf extreme Dürreperioden und eine gnadenlose Ausbeutung der Böden und der Natur zurückgeführt. Für den Autor des Buches, aber auch für den Daemon spiegelt das Schicksal dieser amerikanischen Ureinwohner wider, was der Menschheit im 21. Jahrhundert bevorsteht. Diese betreibt einen weitaus größeren und rasanteren Raubbau an ihren eigenen Lebensgrundlagen.
Gut gefallen hat mir auch, dass viele Kapitel mit Zitaten aus der Internationalen Presse beginnen. In ihnen wird aus einer übergeordneten Perspektive auf die Ereignisse im Roman Stellung bezogen. Andere Kapitel geben „Posts“ wieder, die in der Daemon-Gemeinde ausgetauscht werden. Diese beziehen sich oft auf die Geschehnisse im mittleren Westen der USA, aber auch auf anstehende Projekte. Außerdem erfährt man in ihnen nebenbei, dass die Darknet-Mitglieder sich gegenseitig in ihrem Verhalten bewerten, was dazu führt, dass sie in Bezug auf Kategorien wie persönliche Kräfte, Sozialverhalten etc in der Hierarchie auf- oder absteigen können.
Je besser wir die Daemon-Gemeinde kennenlernen und die Aktionen der amerikanischen Regierung, umso mehr stellt sich die Frage, wer im Buch die Guten und die Bösen sind. Über den Plot will ich nur soviel sagen, dass es einige überraschende Wendungen, einen richtig bösen Antagonisten und ein furioses Finale gibt.
Zu guter Letzt möchte ich ein Manko des Buches nicht verschweigen. Bei den vielen Charakteren, die im Roman vorkommen, fällt es schwer, sich mit irgendwem gut zu identifizieren. Pete Sebeck war diese Figur für mich jedenfalls nicht, weil er vorwiegend als lernende Skeptiker auftritt. Am ehesten habe ich mich mit dem Computerexperten Jon Ross identifizieren können, doch auch er spielt in der gesamten Handlung nur eine untergeordnete Rolle.
Fazit
Darknet ist die würdige Fortsetzung des ersten Bandes der Dilogie um die weltweit agierende KI „Daemon“. Kapitalismuskritik und die mögliche Macht einer Künstlichen Intelligenz paart sich hier mit einem rasanten Plot und einer actiongeladenen Handlung, die wichtige, zukunftsweisende Themen anpackt.

