Donna Tartt – Der Distelfink

Sprachgewaltiger Entwicklungsroman über einen jungen Mann, dessen Schicksal auf geheimnisvolle Weise mit einem Gemälde verknüpft ist.

Klappentext

Als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist, verliert er seine Mutter durch ein tragisches Unglück. Er versinkt in tiefer Trauer. Auch das Gemälde, das verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen. Es scheint geradezu, als würde ihn das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert, in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt ...

Meine Meinung

Der Distelfink von Donna Tartt ist ein Entwicklungsroman. Dieser ist konsequent aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Theo geschrieben, und wir begleiten ihn für zehn Jahre auf seinem Lebensweg, nachdem seine Mutter bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. Ich habe lange geschwankt, ob ich das Buch vorstellen soll; hauptsächlich, weil ich den Hauptcharakter nicht sonderlich mag. Da das Buch 1000 Seiten umfasst, hat dies für mich Gewicht und ist – neben vielen Kleinigkeiten, mein Hauptkritikpunkt an diesem Roman. Zudem könnte man das Buch aus meiner Sicht um ein Viertel kürzen, ohne dass die Stimmung oder der Inhalt leiden würde. Das ist jedoch Geschmacksache.

Was mich das Buch dennoch vorzuschlagen lässt, ist die brillante Schreibweise der Autorin. Die Dialoge, die dramatischen Geschehnisse, die Figuren- und sonstigen Beschreibungen sind exzellent geschrieben, wie ich es selten erlebt habe. Außerdem kommen die Charaktere sonnenklar und prägnant zum Ausdruck.

Wie es dazu kam, dass Theos Mutter starb, nimmt fast das gesamte erste, 74-seitige Kapitel ein. Mutter und Sohn besuchen das Museum of Modern Arts (MOMA), das einem Bombenangriff zum Opfer fällt. Ich gebe die Handlung nach der Explosion wieder; der dreizehnjährige Theo weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass seine  Mutter tot ist.

Ich schnappte nach Luft, halb erstickt vom Mörtelstaub, und mein Kopf tat so weh, dass ich kaum sehen konnte. Ich wollte mich hinsetzen, aber es gab nichts zum Sitzen.

Dann sah ich eine Flasche Wasser. Mein Blick huschte sofort zurück und strich über die Trümmerlandshaft, bis ich sie wieder sah, ungefähr fünf Schritte weit entfernt, halb vergraben in einem Haufen Schutt, nur die Andeutung eines Etiketts im vertrauten Kühlschrankblau.

Gefühllos und schwerfällig, als stapfte ich durch tiefen Schnee, watete ich in Schlangenlinien durch die Trümmer, und Brocken zerbrachen unter meinen Füßen mit scharfem Krachen wie Eis. Aber ich war noch nicht sehr weit gekommen, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf dem Boden sah, auffällig in der Stille, eine Verschiebung von Weiß auf Weiß.

Ich blieb stehen. Dann watete ich ein paar Schritte näher heran. Es war ein Mann, flach auf dem Rücken, von Kopf bis Fuß weiß vom Staub. Er war so gut getarnt in der von Asche überpuderten Ruinenlandschaft, dass es einen Moment dauerte, bis seine Umrisse erkennbar wurden. Kalk auf Kalk, wie eine vom Sockel gestürzte Statue. Mühsam versuchte er sich aufzurichten. Als ich näher kam, sah ich, dass er alt und sehr gebrechlich war, ein wenig missgestaltet, wie ein Buckliger. Sein Haar – was davon noch übrig war – stand senkrecht auf dem Kopf, die eine Seite seines Gesichts war mit hässlichen Brandwunden gesprenkelt, und der Kopf über dem einen Ohr war nichts als ein klebrig schwarzer Horror.

Ich hatte ihn gerade erreicht, als er – unerwartet schnell – den staubweißen Arm vorschießen ließ und meine Hand packte. Panisch erschrocken fuhr ich zurück, aber er hielt mich nur noch fester und hustete und hustete dabei ungesund feucht.

Wo –?, schien er zu fragen. Wo -? Er wollte zu mir aufschauen, aber sein Kopf schwankte schwer auf dem Hals, und sein Kinn rollte auf der Brust hin und her, sodass er mich unter den Brauen hervor anstarren musste wie ein Geier. Aber die Augen in dem zerstörten Gesicht waren intelligent und verzweifelt.

– O Gott, sagte ich und bückte mich, um ihm zu helfen – warten Sie, warten Sie –, und dann brach ich ab und wusste nicht weiter. Die untere Hälfte seines Körpers lag verdreht auf dem Boden, wie ein Haufen schmutziger Wäsche.

Er stütze sich mit den Armen auf, tapfer wie es aussah, seine Lippen bewegten sich, und immer noch versuchte er sich aufzurichten. Er stank nach verbrannten Haaren und verbrannter Wolle. Aber die untere Hälfte seines Körpers scheint mit der oberen unverbunden zu sein, und er hustete und sackte wieder in sich zusammen.

Der Sterbende heißt Welty. Zuvor hat Theo ihn im Museum beobachtet, weil ihn ein Mädchen begleitete, das Theo faszinierte. Später erfährt er, dass sie Pippa heißt; Welty ist  ihr Onkel. Der tödlich Verletzte glaubt in seinem Fieberwahn, dass das Museum von Räubern überfallen wurde. Deshalb bittet er Theo, das Bild zu retten, das neben ihm in den Trümmern liegt: den Distelfink. Dieses Meisterwerk soll nicht in die Hände der Räuber fallen. Außerdem gibt Welty Theo seinen Ring und die Adresse seines Freundes Hobie.

Im weiteren Verlauf des Buches wird Theo Hobie aufsuchen und in diesem Zusammenhang auch Pippa wiedersehen, die die Explosion ebenfalls, wenn auch verletzt, überlebte. In sie verliebt sich Theo, was Pippa, obwohl sie über die Jahre zu engen Freunden werden, jedoch nicht zu erwidern scheint.

Die kurze Wiedergabe der Begegnung Theos mit dem sterbenden Welty zeigt, wie viele unwahrscheinliche Zufälle zusammenkommen, damit Theo in den Besitz des Distelfinks gelangt, was mich zum Plot bringt. Dieser ist, akzeptiert man die vielen Zufälle in der Begegnung zwischen Welty und Theo, im Groben durchaus nachvollziehbar und wendungsreich, was die Handlung interessant macht. Eine Stärke ist sicher auch, dass die Autorin dabei überaus anschaulich und glaubwürdig gesellschaftliche Nischen wie den Kunsthandel in New York, das Leben im gehobenen Bürgertum New Yorks, aber auch das abgehalfterte Leben in den Outlands von Las Vegas und eine kriminelle Szene beschreibt, die durch die Figur von Theos bestem Freund, Boris, deutliche Konturen erhält.

Manches Detail der Geschichte erscheint mir allerdings unglaubwürdig; zum Beispiel die Entwicklung zwischen Pippa und Theo, was ich jedoch nicht ausführen werde, um nicht zu spoilern.

Durchweg gut gefallen haben mir die Dialoge, die stets echt rüberkamen. Dasselbe gilt (bis auf einige Namensgebungen wie zum Beispiel ›Boris‹) für die Charakterbeschreibungen bis hin zu den Nebenfiguren. Ein Beispiel dafür, wie lebendig Tartt diese rüberzubringen vermag, zeigt der folgende Ausschnitt über den russischen Juden Grischa.

»Russischer Jude« ist ein Widerspruch in sich«, erklärte er in einer üppigen Rauchwolke seiner Mentholzigarette. »Jedenfalls für russisches Denken. Den ›Jude‹ ist für Antisemit nicht dasselbe wie wahrer Russe – Russland ist berüchtigt dafür.« Grischa … war blond mit einem ziegelsteinroten Gesicht, einer erstaunlichen Augenfarbe, so türkis wie Rotkehlcheneier, er hatte einen dicken Bauch vom Trinken und ging so nachlässig mit seiner Kleidung um, dass manchmal die unteren Knöpfe seines Hemdes offen standen, obwohl er sich seiner lockeren, arroganten Art nach zu urteilen, offensichtlich für gut aussehende hielt (was er womöglich auch einmal gewesen war). Im Gegensatz zu Mr. Pavlikovsky mit seiner steinernen Miene war er ziemlich redselig, voller Witze, Anekdoty, wie er sie nannte, die er in einem ulkigen, monotonen Schnellfeuer-Tonfall erzählte.

Auch banale Städtebeschreibungen werden bei Donna Tartt zu einem Fest, wie das folgende Beispiel von Amsterdam zeigt.

Was ich irgendwie nicht erwartet hatte war eine weihnachtlich aufgetakelte Stadt: Tannenzweige, Lametta, Sternenschmuck in den Schaufenstern, ein steifer Wind in den Grachten, Feuer, Weihnachtsmarktstände und Leute auf Fahrrädern, Spielsachen und Farben und Süßigkeiten, Festtagsgewimmel und Glanz. Kleine Hunde, kleine Kinder, schwatzende und zuschauende und Päckchen schleppende Menschen, Clowns mit Zylindern und Militärmänteln und ein kleiner tanzender Narr in -weihnachtskleidung wie auf einem Avercamp-Gemälde. Ich war immer noch nicht ganz wach, und nichts von all dem erschien mir realer als der flüchtige Traum von Pippi im Flugzeug, in dem ich sie in einem Park gesehen hatte, mit vielen hohen Springbrunnen und einem Planeten mit SaturnRingen, der tief und majestätisch am Himmel schwebte.

Fazit

Der Distelfink von Donna Tartt wird all jenen gefallen, die hervorragend geschriebene Literatur mögen und sich nicht scheuen, dicke Bücher (1000 Seiten) zu lesen. Wer sich darüber hinaus mit dem Hauptcharakter Theo identifizieren kann, wird angesichts der wendungsreichen Handlung und der hervorragend gezeichneten Charaktere begeistert sein.

                                      5 von 7 Punkten. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Beiträge

Stefan Heiligtag
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.