Klappentext
Niels Oxen, ein schwer traumatisierter Elitesoldat, zieht sich in die Einsamkeit der dänischen Wälder zurück, um seinen inneren Dämonen zu entkommen. Doch bei einem nächtlichen Besuch des Schlosses Nørlund wird er zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall: Hans-Otto Corfitzen, Exbotschafter und Gründer eines Thinktanks, wurde auf dem Schloss zu Tode gefoltert. Oxen gerät in die Fänge des dänischen Geheimdienstes. Seine einzige Chance: Zusammen mit der toughen Geheimdienstmitarbeiterin Margrethe Franck muss er die wahren Täter ausfindig machen. Die Spuren führen zu einem übermächtigen Geheimbund.
Meine Meinung
Die Faszination des Buches wie der ganzen Reihe geht von der Hauptfigur Niels Oxen aus, dem höchstdekorierten dänischen Elitesoldaten aller Zeiten. Dieser lebt mit seinem treuen Hund Mr. White in den dänischen Wäldern. Sieben Dämonen bescheren dem schwer Traumatisierten Albträume von gräulichen Kriegserinnerungen. Schon in der ersten Szene mit Oxen wird dieser Charakter vom Autor wunderbar beschrieben.
Die reflexartigen Bewegungen, mit denen er seine Umgebung wie ein Radar erkundete, erinnerten an die eines gewöhnlichen Einbrechers. Er zog sich die Kapuze über sein Barett und sah sich um. Nach rechts, nach links, nach hinten. Und noch einmal. Dann überwand er spielend leicht den hohen Drahtzaun, während sein weißer Sattojedenhund brav im Schatten der Mauer lag und sich nahezu unsichtbar machte.
Er sprang und landete geschmeidig auf beiden Füßen. Gut, vielleicht nicht ganz so geschmeidig wie früher – doch zumindest fast ohne zu wackeln. Er wusste, wo er hinwollte, und huschte zum nächstgelegenen Container, um seine selbst gebaute Zange an die kurze, dreikantige Eisenstange anzusetzen, das Ganze nach links zu drehen und so den schweren Deckel zu öffnen.
Beim ersten Mal war es die reinste Folter gewesen. Eine buchstäblich grenzüberschreitende Erfahrung. Mental gesehen ein Trip der Erniedrigung, der ihn innerhalb von Sekunden handlungsunfähig gemacht hatte. Die Demütigung war wie ein Parasit unter seine Haut gekrochen, wo sie wochenlang verharrte und an ihm nagte.
Irgendwann war sie verschwunden und seither nicht wiedergekommen. Zurück blieb nur ein rationales »Wenn du Hunger hast, iss!‹
Er kletterte über die beschämende Schwelle der Wohlstandsgesellschaft, dorthin, wo der Überfluss sich ihm wie ein Goldschatz entgegenstreckte. Im ersten Container war das Gemüse.
Er knipste seine Taschenlampe an und fing an zu suchen. Die tastenden Hände weckten eine alte Erinnerung, er dachte daran, wie es gewesen war, im Supermarkt einzukaufen, an einem vollen Samstagvormittag zwischen lärmenden Familien. Genau wie jetzt. Nur der Einkaufswagen fehlte und sein Kind im Klappsitz. Seine Wahl war jedes Mal eine reine Impulsentscheidung.
Gurken? Wieso nicht. Tomaten? Tja … Kopfsalat? Super Idee. Zwiebeln? Okay. Und natürlich Kartoffeln.
Alles wanderte in die Tiefe seines Rucksacks. Als Letztes folgte eine Schale Freilandchampignons, die drei Tage drüber waren.
Er kletterte wieder hinaus, öffnete den nächsten Container und sprang rein. Fleischwaren. Das Verfallsdatum verbreitete die Pist hier im Dunkeln, aber das kümmerte ihn nicht. Bei Fleisch musste man bloß ein bisschen vorsichtiger sein, das war alles. Er nahm die Packungen in die Hand, drehte und wendete sie im Schein der Taschenlampe, hob den Daumen – oder senkte ihn. Es sah danach aus, als würde es morgen Abend Frikadellen geben. Vermutlich mit geschmorten Zwiebeln. …
Er ließ ein halbes Kilo Hackfleisch in den Rucksack gleiten. Aus ihm war ein professioneller Mülltaucher geworden.
Die Romanhandlung nimmt ihren Lauf, als Oxen dem, in der Nähe seiner Lagerstatt liegenden Schloss Norlund Slot, einen nächtlichen Besuch abstattet. Es ist schwer bewacht, und er findet einen bewusstlosen Wachmann und einen Hund, den man aufgehängt hat. Wenige Tage später taucht die Polizei bei ihm auf, denn der Schlossherr, Ex-Botschafter Corfitzen, wurde tot aufgefunden und Oxen wird der Tat verdächtigt. Eine spannende Ausgangssituation.
Dass die Polizei die Ermittlungen sofort an den Inlandsnachrichtendienst PET abgeben muss, ist ein weiterer genialer Schachzug des Autors. Einmal, weil es die Bedeutung des Mordes erhöht und zweitens, weil sie mit dem PET-Chef Axel Mossmann eine schillernde Figur in die Handlung einführt.
Die nachfolgende Situation ist aus Owens Sicht geschildert und macht deutlich, wie unangenehm dem Elitesoldaten nicht nur diese, sondern Begegnungen mit Menschen überhaupt, sind
Der letzte Mann, der durch die Tür trat, war der Chef des Inlandsnachrichtendienstes, der berühmte Axel Mossmann. Er war so riesig, dass man keine Tür mehr brauchte, wenn er im Durchgang stehen blieb.
Mossmann hatte die sechzig in Bestform überschritten. Er hatte beinah sein ganzes Leben im PET verbracht, hatte ihn gestärkt aus den schwierigen Jahren des Umbruchs nach 9/11 herausgeführt und in einen modernen Nachrichtendienst verwandelt, der den neuen Anforderungen der Zeit gerecht wurde.
Axel Mossman nahm seine Tweedmütze ab, doch er setzte sich nicht auf. Stattdessen ging er um den Tisch zu Oxen und streckte ihm seine riesige rechte Hand entgegen.
»Oxen. Guten Tag … Axel Mossmann, es ist mir eine Ehre. Sie kennenenzulernen. Was Sie geleistet haben, ist beeindruckend. Wirklich, sehr beeindruckend. Wie bedauerlich, dass wir uns unter diesen Umständen begegnen. Aber vielleicht haben wir ja später noch Gelegenheit, uns zu unterhalten.«
Oxen registrierte die Herzlichkeit des PET-Chefs mit Skepsis. Er wusste nicht, was er erwidern sollte, und quittierte Mossmanns Händedruck mit einem kurzen Nicken.
Dann kehrte seine Hand zurück zu Mr Whites Kopf, auf dem sie liegen blieb. Er hatte dafür gesorgt, dass sein treuer Begleiter etwas Wasser und Futter bekam, aber er sah den Samojedenspitz an, wie sehr er sich danach sehnte, endlich hier rauszukommen. Genau wie er selbst.
Axel Mossmann wird Oxen einen Deal anbietet und diesen dazu zwingen, mit der Agentin Margarethe Franck zusammenzuarbeiten. Diese hat durch einen Unfall ihren rechten Unterschenkel verloren, ist aber unabhängig davon überaus tough und intelligent. Ihre Zusammenarbeit erweist sich wegen Oxens Kontaktschwäche und ihrem Misstrauen zunächst als schwierig, doch das tut dem Roman sehr gut. Es gehört zu den Stärken der Trilogie, dass die Handlung durch diese drei interessanten Charaktere geprägt wird.
Auch der Plot von Band 1 hat mir gut gefallen, weil es nicht nur um die Aufklärung einiger Morde geht, sondern sich die Handlung um einenJahrhunderte alten dänischen Geheimbund dreht. Auch die Action kommt nicht zu kurz, und es gibt zahlreiche Wendungen und das Ende hält ein paar interessante Fragen offen.
Die Längen, die es in meinen Augen an einigen Stellen gab, mögen Geschmacksache sein. Jedenfalls haben sie mein Lesevergnügen nicht wirklich beeinträchtigte.
Fazit
„Oxen – Das erste Opfer“ ist der spannende und durchweg gelungene Auftakt in die Trilogie um den traumatisierten dänischen Elitekämpfer und einen uralten dänischen Geheimbund. Die offenen Fragen am Ende des Buches machen Lust auf Band 2.

