Klappentext
Stell dir vor du wirst 15 und dein bisheriges Leben geht in Flammen auf.
Jon dachte, er wäre ein ganz normaler Teenager. Bis er erfährt, dass nur er das Tor zur Elfenwelt Dvor wieder öffnen kann. Gemeinsam mit seinen Freunden Paul und Shirin macht er sich auf die Suche nach dem verschwundenen Schlüssel. Was Gegner aus beiden Welten um jeden Preis verhindern wollen …
Ein Coming-of-Age-Roman über Mut, Freundschaft, erste Liebe – und ein Leben zwischen zwei Welten.
Meine Meinung
Ja, es gibt einen Drachen in diesem Fantasy-Jugendroman von Jo Brode. Was es mit dem Drachenlied auf sich hat, erfahren wir aber nicht, was mich vermuten lässt, dass die Autorin eine Reihe geplant hat. Der erste Band „Das Tor“, macht jedenfalls neugierig auf hoffentlich noch erscheinende Folgeromane. Die 15-jährigen Heldinnen und Helden sind durchweg interessante Charaktere, mit denen man gerne mitfiebert. Shirin kann sich zum Beispiel unglaublich gut in andere Menschen einfühlen, und Paul ist ein Meisterdieb, für den das Stehlen nur ein Nervenkitzel ist. Die gestohlenen Gegenstände gibt er stets zurück.
Vordergründig handelt der Roman von dem Konflikt zwischen Menschen und Elfen. Letztere wollen Jon umbringen, weil sie ihn für eine Gefahr für ihre Welt halten. Auf einer tieferen Ebene geht es jedoch um Toleranz und Freundschaft, und die Frage, wer gut und böse ist, lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Schon aus diesem Grund ist es stimmig, dass sich die Beziehungen der Freunde zueinander und zu den Elfen ständig verändern und dies auch die Handlung vorantreibt.
Zu Beginn des Romans hat Jon ein klares Verhältnis zu Storbergs Stadtgeschichte, die voller Mythen ist, in denen Elfen vorkommen. Er hält sie für ein Marketingkonzept, was wir direkt zu Beginn erfahren, als er mit Paul in das bekannteste Antiquitätengeschäft der Stadt geht.
Die Tür fiel mit einem leisen klack hinter ihnen ins Schloss. Durch die großen Scheiben mit der Aufschrift
Aznárs Handel und Wandel
Magie für jedermann. Tränke, Flüche, Artefakte
Große Auswahl, faire Preise
Eintritt ab 18 Jahren
fiel kaum Licht herein, trotzdem konnte Jon im Halbdunkel Pauls Grinsen sehen. Der Laden war dämmrig und ziemlich vollgestopft, genauso, wie er ihn sich vorgestellt hatte.
Zwei Männer beugten sich murmelnd über einen Gegenstand auf dem Verkaufstresen. Der eine war kräftig gebaut und stand mit dem Rücken zu ihnen, der andere, ein großer, hagerer alter Mann in seinem schwarzen Anzug musste Aznár sein. Keiner von beiden beachtete sie …
»Na, was hab ich dir gesagt?« Pauls Ellenbogen traf Jon in die Rippen. »Ich hab die Wette gewonnen.«
»Hast du«, gab Jon leise zu. Er hatte gerade die Holzregale an der gegenüberliegenden Wand entdeckt. … Über Gedankenwürmer und wie man sie loswird, las er auf einem Buchrücken. Express Fingernagelwuchs für Saitenspieler stand auf einer durchsichtigen Flasche mit violettem Inhalt, Liebespein im verzerrten roten Buchstaben auf einem giftgrünen Flakon. Sollte das Getränk Liebeskummer auslösen oder ihn bekämpfen?
Paul blieb vor einer der Vitrinen stehen und starrte auf die Uhr, die dort auf einem Samtkissen lag. … Zeit(m)Esser stand auf einem Schild vor dem Samtkissen. Preis auf Anfrage.
»Großartig«, murmelte Paul.
»Hm«, machte Jon. Der Zeit(m)Esser zeigte kurz nach halb fünf an. Mist. Er durfte nicht schon wieder zu spät zum Training kommen. …
Pauls und seine Heimatstadt Storberg war klein und abgelegen, und abgesehen von einem mittelalterlichen Stadtkern hatte sie nur wenig zu bieten. Deshalb setzte die Stadtverwaltung voll auf ihren Ruf als Hort der Märchen und Sagen. Das Finstere Viertel war das Herz dieses Marketingkonzepts. Hier gab es Händler, die Wunderheilungen und Liebestränke anboten, Kräuterladenbesitzerinnen, die sich als Hexen ausgaben, und Kneipen, die wie alte Tavernen gestaltet waren. …
Das Gerücht, dass man hier mehr kaufen könnte als nur esoterischen Schnickschnack und billige Antiquitäten, hielt sich hartnäckig. Aber das alles hier war einfach … zu dick aufgetragen. Wenn schon magische Tropfen, dann wären welche mit „Lösungen für jede Klassenarbeit“ für ihn deutlich nützlicher als der ganze andere Kram hier. …
Aznar runzelte kurz die Stirn, dann richtete er seinen hellgrauen Blick auf sie. »Nun, Jungs«, sagte er … »Ich nehme an, mein Gehilfe hatte einen guten Grund, euch hier reinzulassen. Was kann ich für euch tun?«
Paul knipste sein schönstes Lächeln an, ging auf Aznar zu und spulte seinen Text ab. Von einem Schulreferat über die Stadtgeschichte und dass Aznar als bekannter Historiker, Artefakthändler und gebürtiger Starnberger ihnen doch bestimmt mit ein paar Details helfen könnte. …
Als Jon merkt, dass Paul dem Händler 2 Armreife stehlen will, zieht er seinen Freund aus dem Laden, obwohl er weiß, dass Paul den Schmuck wieder zurückbringen würde. Paul gelingt es trotzdem sich die Armreife „auszuleihen“, was im weiteren Verlauf der Handlung Vor- und Nachteile haben wird. In deren Verlauf wird Jons Vater Kato von den Elfen vergiftet und droht zu sterben. Ich will nicht zu viel über über die wendungs- und actionreiche Handlung erzählen, aber Jon sieht sich gezwungen, das Tor zur Elfenwelt zu öffnen, weil nur die dortige Heilerin in der Lage ist, seinen Vater zu machen.
Das Buch ist spannend und sehr gut geschrieben, sodass sich meine Kritik nur auf Kleinigkeiten bezieht. Eine davon ist der Ausdruck ›Flammalfin‹, über den ich immer wieder gestolpert bin. Zuerst dachte ich, es handele sich um einen Druckfehler. Warum nennt die Autorin sie nicht Feuerelfen? Oder Flammenelfen? Das sympathische Figurenpersonal ist eine klare Stärke des Romans. Vor allem der umtriebige Paul mit seinen vielfältigen Talenten und die feinfühlige Shirin sind mir ans Herz gewachsen. Ebensor Lys, die von inneren Zweifeln geplagte Elfenkriegerin, die die Autorin differenziert skizziert hat. Jon ist auch ein Sympathieträger, doch es ich fand es schade, dass er für mich die am wenigsten fassbare Hauptfigur ist. Manchmal stellt er sich ziemlich dämlich an, und dann handelt er wieder unglaublich reif und verantwortungsvoll. Aber wahrscheinlich ist das Geschmacksache. Es hat mein Lesevergnügen nicht sonderlich geschmälert, und ich kann den Roman nur wärmstens empfehlen.
Fazit
Jo Brode hat mit „Drachenlied – Das Tor“ ein Buch über Freundschaft und Toleranz geschrieben, das jugendliche und erwachsene Leser gleichermaßen in den Bann zieht. Ich freue mich schon jetzt auf den hoffentlich geplanten Band 2, um zu erfahren, wie es zwischen Elfen und Menschen weitergeht.

