Klappentext
Er kennt seine Feinde nur allzu gut. Inspector Macbeth ist der taffste Cop in einer maroden Industriestadt im Norden. Einen Deal nach dem anderen lässt er hochgehen, die Drogenbosse beißen sich an ihm die Zähne aus. Doch irgendwann wird die Verlockung zu groß: Geld, Respekt, Macht. Schnell aber wird ihm klar, dass einer wie er, der schon in der Gosse war, niemals ganz nach oben kommen wird. Außer – er tötet. Angestachelt von seiner Geliebten, schafft er sich einen Konkurrenten nach dem anderen vom Hals. In seinem Blutrausch merkt er nicht, dass er längst jenen dunklen Kräften verfallen ist, denen er einst den Kampf angesagt hat.
Meine Meinung
„Macbeth“ von Jo Nesbo entstand im Rahmen des Hogarth-Shakespeare-Projekts, das der britische Verlag Hogarth Press anlässlich des 400. Todestags von William Shakespeare ins Leben rief. Renommierte Autorinnen und Autoren sollten acht seiner Stücke in Form von modernen Romanen neu interpretieren Jo Nesbo schrieb sein Lieblingsdrama zu einem düsteren Thriller um. Es funktioniert erstaunlich gut, dass er die zum Teil altertümlichen Namen aller beteiligten Personen beibehält, denn sie lesen sich flüssig und rufen keine Störgefühle hervor. Die Handlung spielt in den 1970er Jahre in der korrupten Industriestadt Capitol in den schottischen Fife. Aus Königen und Soldaten werden Spezialeinheiten der Polizei, die mit der Drogenmafia um die Vorherrschaft in der Stadt kämpfen.
Nesbo greift viele Aspekte des Dramas auf, namentlich das Hauptmotiv. Angestachelt von seiner ehrgeizigen Frau (Lady) wandelt sich Macbeth, der loyale Kämpfer für das Gute, zu einem Killer, der über Leichen geht, um an die Macht zu kommen. Eine Parallelität funktioniert für mich allerdings nur mit Bauchschmerzen: dass der Polizeichef von Capitol Duncan eine ähnlich große Macht haben soll wie König Duncan im Shakespeare-Drama. Das soll jeder selbst entscheiden. Viele andere Eckpfeiler der Tragödie überträgt der Autor hingegen höchst elegant in die Thriller-Handlung der 70er Jahre. Zum Beispiel die korrupten Gegenspieler Hecate und Sveno und sogar das magische Element, der drei Hexen. In Nesbos Thriller sind es drei düstere Schwestern, die für den Drogenbaron Hecate Brew herstellen – jene Droge, von der die Hälfte der Bevölkerung von Capitol abhängig ist.
Zu Beginn des Romans steht der fähige Anführer des SWAT-Teams, Macbeth, loyal an der Seite des Polizeichefs (Duncan). Er teilt dessen Überzeugung, dass die Stadt von der Korruption und den Drogenmafia befreit werden muss. Nesbo versteht es, den Lesern das komplexe Macht- und Beziehungsgefüge der Stadt schon im ersten Kapitel vor Augen zu führen. Nämlich mit Hilfe von drei Perspektivfiguren: Da ist zum einen Duff, der Leiter der Drogenabteilung. Er will die Norse Riders und ihren Anführer, den Drogendealer Sweno, beim Kauf von 4,5 Tonnen Ampethamin „erwischen“. Da ist zweitens Hecate, der von der Übergabe weiß und den Verräter bestrafen will, der der Polizei den Tipp gab. Und da ist Macbeth, der ebenfalls von der Übergabe erfahren hat und mit einem Teil seines SWAT-Teams bereitsteht, falls die Sache aus dem Ruder läuft.
Macbeth lag auf dem Rücken und gähnte. Er lauschte auf den prasselnden Regen. Fühlte sich steif und drehte sich auf die Seite.
Ein weißhaariger Mann hob die Plane an und kroch herein. Zitternd und fluchend kauerte er sich in der Dunkelheit zusammen.
»Nass geworden, Banquo?«, fragte Macbeth und stützte seine Handflächen auf die raue Dachpappe unter sich.
»In diesem Pissloch von Stadt zu leben, ist wirklich das Letzte für einen gichtgeplagten Mann wie mich. Ich sollte meine Pension einkassieren und aufs Land ziehen. Mir ein kleines Haus im Fife zulegen oder auf einer Veranda sitzen, irgendwo da draußen, wo die Sonne scheint, die Bienen summen und die Vögel singen.«
»Statt mitten in der Nacht auf einem Dach im Containerhafen zu hocken? Das kann doch nicht dein Ernst sein?«
Sie lachten leise.
Banquo schaltete eine Schiffsleuchte ein. »Das hier wollte ich dir zeigen.«
Macbeth nahm die Leuchte und hielt sie über die Zeichnung, die Banquo ihm reichte.
»Das ist das Gatling-Maschinengewehr. Eine echte Schönheit, oder?«
»Nicht das Aussehen ist das Problem, Banquo.«
»Zeig es Duncan. Erklär ihm, dass das SWAT-Team diese Waffe braucht. Und zwar jetzt.«
Macbeth seufzte. »Er will es nicht.«
»Sag ihm, dass wir immer die Verlierer sein werden, solange Hecate und die Norse Riders schwerere Waffen haben als wir. Erklär ihm, was ein Gatling-Gewehr kann. Erklär iihm, was zwei können.«
»Duncan wird keinerlei Aufrüstung zustimmen, Banquo. Und ich glaube, er hat recht. Seit er Commissioner ist, hat es tatsächlich weniger Schießereien gegeben.«
»Die Einwohnerzahl dieser Stadt wird immer noch von der Kriminalität dezimiert.«
»Es ist ein Anfang. Duncan hat einen Plan. Und was er vorhat, ist richtig.«
»Ja, ja, dagegen sag ich ja gar nichts. Duncan ist ein guter Mann.«
Banquo stöhnte auf. »Aber naiv ist er. Mit so einer Waffe könnten wir endlich aufräumen und …«
Sie wurden von einem Klopfen an der Plane unterbrochen. »Sie haben mit dem Abladen begonnen, Sir.« …
Macbeth schaltete die Leucht aus, gab sie Banquo zurück und schob die Zeichnung in die Innentasche seiner schwarzen SWAT-Lederjacke. Dann zog er die Plane beiseite und robbte auf dem Bauch bis zur Dachkante. …
Vor ihnen, über dem Deck der MS Leningrad, schwebte am Haken des Krans ein vorsintflutlich aussehender militärgrüner Lastwagen im Flutlicht, über dessen Ladefläche eine Plane gebreitet war.
»Ein ZIS-5«, flüsterte Banquo. … »Was denkst du?«
»Ich denke, die Norse Riders haben mehr Männer hier, als Duff erwartet hat. Sweno scheint sich Sorgen zu machen.«
»Glaubst du, er ahnt, dass die Polizei einen Tipp bekommen hat?«
»Nein, dann wäre er nicht selbst hergekommen. Er hat Angst vor Hecate. Er weiß, dass Hecate größere Ohren und Augen hat als wir.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Wir warten ab und beobachten. Vielleicht schafft Duff es ja, die Sache selbst durchzuziehen. In dem Fall greifen wir nicht wein.«
»Soll das heißen, du hast die Jungs mitten in der Nacht her geschleift, damit sie hier bloß rumsitzen und beobachten?«
Macbeth gluckste leise. »Sie haben sich freiwillig gemeldet. Ich hab ihnen gleich gesagt, das es langweilig werden könnte.«
Banquo schüttelte den Kopf. »Du hast zu viel Freizeit, Macbeth. Du solltest dir mal ‚ne Familie zulegen.«
Macbeth hob die Hände., Sein Lächeln erhellte sein breites Gesicht mit dem dunklen Bart. »Du und die Jungs, ihr seid meine Familie, Banquo. Was brauch ich denn sonst noch?«
Nesbos Thriller ist nicht weniger düster als in Shakespeares Drama. Macbeths Wandlung vom Kämpfer für das Gute zum machtgeilen Killer setzt ein, als Strega, die Wortführerin der drei Brew herstellenden Schwestern, ihm prophezeit, er werde bald Duncans Position als Chief Commissioner einnehmen. Was folgt, ist eine aktionsreiche Handlung, in deren Verlauf Macbeth zu immer brutaleren Mitteln greift, um sein Ziel zu erreichen.
Das Hauptmanko des Buches besteht darin, dass mir, anders als in Shakespeares Drama, nicht einleuchtet, wieso Macbeth sich von Lady, seiner ehrgeizigen Freundin, anstacheln lässt, seinen Chef zu töten. Bis zu diesem Zeitpunkt war er loyal und nicht sonderlich ehrgeizig. Und er wusste, dass ihm nach dem Mord die Macht über die Stadt nicht einfach in den Schoß fallen würde. Hinzu kommt, dass die Stellung als Chief Commissioner bei weitem nicht so stark ist wie die eines Königs zu Shakespeares Zeiten. Auch im weiteren Verlauf der Handlung lässt uns der Autor über die tieferen Beweggründe von Macbeths Wandlung im Unklaren. Wie kann es sein, dass er sich rasend schnell zu einem skrupellosen Killer entwickelt? Seine Zweifel werden nur an einer Stelle plastisch: nämlich als er Duncan ermordet. Im weiteren Verlauf des Romans habe ich seinen inneren Zwiespalt kaum noch wahrgenommen. Macbeth wirkt dadurch extrem unsympathisch und auch unverständlich. Vor allem, wenn man ihn mit Harry Hole vergleicht, dem Protagonisten seiner Krimi-Erfolgsreihe.
Wer sich daran nicht stört, wird mit einem spannenden, wendungsreichen Thriller in einem düsteren Setting belohnt, in dem es neben Verfolgungsjagden und Schießereien wunderbar geschriebene Erpressungsszenen gibt. In dieser Hinsicht kann Macbeth mit den Krimis um den norwegischen Kommissar absolut mithalten.
Fazit
Jo Nesbo überträgt die Handlung von Shakespeares Drama „Macbeth“ in eine marode schottische Industriestadt in den 1970er Jahren. Der wendungsreiche Roman überzeugt durch packende Action-Szenen und gut geschriebene Dialoge. Der Punktabzug beruht darauf, dass die Entwicklung Macbeths vom loyalen Chef des SWAT-Teams zum skrupellosen Killer nicht durchweg nachvollziehbar ist.

