Klappentext
„Du wählst nicht die Akademie. Die Akademie wählt dich.“
Diese Worte haben Wilds Leben auf den Kopf gestellt, denn sie sind ein Todesurteil. Ihr kleiner Bruder Billy wurde für die Große Auslese der berüchtigten Akademie der Schatten auserwählt. Wenn er die Aufnahmeprüfung überlebt, winken ihm Geld und ein Platz an der Schule, wo Magie gelehrt wird – doch wer sich weigert, wird mitsamt der Familie ausgelöscht. Weil Wild ihren unschuldigen Bruder schützen will und an der Akademie bereits unter mysteriösen Umständen ein anders Familienmitglied gestorben ist, fasst sie einen waghalsigen Entschluss: Sie schneidet sich die Haare ab, tarnt sich als Junge und tritt an seiner Stelle an.
Meine Meinung
Die 18-jährige Wild führt ein hartes Leben. Ihre Mutter und ihr drei Jahre älterer Bruder starben unter mysteriösen Umständen und ihr Vater ist gebrechlich, weshalb Wild hart kämpft, die schlecht laufende Farm über Wasser zu halten. Außerdem kümmert sie sich um die 15-jährigen Zwillinge Sam und Billy. Letzterem gilt die Einladung von der Akademie der Schatten. Wild findet sie nach dem Gespräch mit einem unheimlichen Fremden auf dem Küchentisch des Farmhauses.
Ich habe von Beginn an mit der Ich-Erzählerin Wild mitgefiebert, was vor allem an der spannenden Handlung und an ihrem eindringlichen, anschaulicher Erzählstil liegt. Das Lesen eines Briefes wird mit ihr zu einem spannenden Ereignis:
Ich öffnete den Brief im silbern glänzenden Umschlag. Wenn ich irgendwo Antworten erwarten konnte, dann hier.
Ich zog ein dickes Stück handgeschöpftes Papier mit ausgefransten Kanten heraus. Sanfte Vibrationen strömten durch meine Finger, als ich die Karte berührte. Völlig verwirrt sah ich zu, wie sich auf einmal Buchstaben in das cremefarbene Papier prägten. Sie tanzten und wirbelten umher, während sie sich langsam zu Worten formten.
»Was zum Teufel?«
Ungläubig zeichnete ich die Buchstaben mit meinen Fingern nach. Blinzelnd stellte ich fest, dass die Worte unbeweglich waren. Das Geschwafel meines Vaters über Magie hatte wohl meine Fantasie angeregt.
Meine Augen überflogen die Nachricht, Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Ein Tropfen landete auf dem Papier, neben Worten, die sich für immer in mein Gedächtnis einbrannten:
Billy Johnson,
Du wirst zur Großen Auslese geladen.
Du wählst nicht die Akademie.
Die Akademie wählt dich.
Melde dich binnen 48 Stunden bei folgender
Adresse, oder deine Familie wird ausgelöscht.
Die Uhr tickt.
Es ist ein geschickter Schachzug, dass Wild keine Ahnung von den besonderen Fähigkeiten ihrer Eltern und der wahren Bedeutung der Akademie der Schatten hat, als sie ihrem Vater den Brief zeigt. Als dieser etwas von Magie und einem Fluch faselt, glaubt sie, er rede im Delirium. Ganz logisch ist es jedoch nicht, dass Wild nicht einmal nachfragt, denn sie hat zu diesem Zeitpunkt bereits diverse Hinweise bekommen, dass es Magie geben könnte; dies ist aber nur ein kleiner Kritikpunkt. Ich konnte mich ansonsten jederzeit in sie hineinversetzen und fragte mich (wie sie), was das für eine Akademie sein muss, die Todesdrohungen ausspricht.
Wild ist klar, dass ihr 15-jähriger Bruder noch nicht so weit ist, das Auswahlverfahren der Akademie zu überleben. Sie hingegen schon, denn ihr Name ist Programm. Wild ist im besten Sinne des Wortes wild und gefährlich. Und weil sie groß und schlank ist und kantige Gesichtszüge hat, schneidet sie sich ihre langen Haare ab und beschließt, an Billys Stelle an die Akademie zu gehen,
Ebenso gut wie der Stil gefällt mir die packende, mit einigen Überraschungen gespickte Handlung des Buches. Diese ist umso lesenswerter, als es den Autoren gelingt, durch einen ironischen Erzählton und die Einführung außergewöhnlicher Nebenfiguren Witz in die Handlung zu bringen.
Dies veranschaulicht die nachfolgende Szene. Männer haben Wild gefangengenommen, sie mit Kabelbindern gefesselt und ihr einen Sack über den Kopf gestülpt. Nun zerren sie sie in einem Helikopter.
Die Rotoren wurden lauter, und ein starker Wind presste den Sack auf mein Gesicht. Durch das kleine Loch konnte ich einen flüchtigen Blick in das Innere des Hubschraubers werfen, und der Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Ich sah ein Dutzend anderer Jugendlicher, auf der Seite liegend, über die Ladefläche des riesigen Hubschraubers verteilt. Viele krümmten sich – ob vor Schmerzen oder vor Angst wusste ich nicht. Alle hatten die Hände auf dem Rücken gefesselt und Säcke über dem Kopf, genau wie ich. Sie lagen vollkommen unbefestigt, ohne Gurte oder Griffe, an denen sie sich irgendwie hätten festklammern können. Als ob sie tatsächlich hinausgeworfen würden, sobald sie Ärger machten. …
»Ist das euer Ernst?«, schrie ich, während wir so schnell aufstiegen, dass ich auf den Boden gedrückt wurde. Übelkeit würgte mich.
»Du kommst wohl aus Texas. Das hört man dir an«, sagte das Mädchen neben mir ganz ruhig über den Lärm hinweg. Merkwürdig – eigentlich hätte ich sie ohne Headset gar nicht hören dürfen. »Wusstest du, dass es in Texas Orte gibt, an denen die Zahl der Alligatoren die Zahl der Menschen übertrifft?«
Ich drehte meinen Kopf langsam zu ihr um. War das ihr Ernst? Wir waren gerade in einem fliegenden Hubschrauber wie Gepäck verstaut worden, und sie wollte über Alligatoren reden?
Durch mein kleines Guckloch sah ich, wie sie nickte, als ob sie meine Gedanken gehört hätte.
»Ein Alligatorenangriff ist eine schreckliche Art, zu sterben. Es geht überhaupt nicht schnell. Zuerst ziehen sie dich unter Wasser, wobei sie dich normalerweise an einer Hand oder einem Fuß festhalten, was einen glauben lässt, man könnte entkommen. Natürlich stehen die Chancen darauf schlecht. Das schaffen nur sehr wenige, weißt du?«
Grundgütiger, wie konnte ich sie nur dazu bringen, den Rand zu halten? Und wie konnte ich das alles überhaupt über das Dröhnen der Rotoren hinweghören?
Magie. Die Stimme meines Vaters hallte in meinem Kopf nach. Nein, das war doch unmöglich …
Das Mädchen fuhr fort, vollkommen unbeirrt. »Sobald sie dich unter Wasser haben, fangen sie an, sich zu wälzen und zu drehen, um dir im Idealfall eines deiner Glieder abzureißen. Dann lassen sie einen ausbluten, aber gleichzeitig ertrinkt man auch noch. Dieses Manöver nennt man Todesrolle. Passt perfekt, wenn du mich fragst.«
Ich sah mich nach irgendetwas um, mit dem ich die Kabelbinder durchtrennen konnte. Ich versuchte, das Messer an meiner Hüfte zu erreichen, konnte mich aber nicht genug bewegen.
»Schließlich – und zu dem Zeitpunkt ist die Beute meistens noch am Leben«, fuhr das Mädchen fort, »stopfen sie ihr Opfer in ihren Unterwasser-Futtervorrat. Sie bevorzugen in Sumpfwasser mariniertes Fleisch. Größtenteils verrottet. Um ehrlich zu sein, kann ich mir vorstellen, dass es dann zarter ist.«
»Halt endlich den Rand!«, schnauzte ich sie an. »Niemand will hören, wie Alligatoren Menschen fressen!«
»Ich will nicht sterben!«, schrie jemand weiter vorne. Höchstwahrscheinlich ein Junge, dachte ich, aber bei einer derart panischen Stimme war das schwer zu sagen. »Bitte, ich will nicht sterben!«
Es gibt einige wenige Ungereimtheiten wie Wilds Höhenangst, die einmal da ist und dann so gut wie nicht existiert, aber das sind Kleinigkeiten, die das Lesevergnügen nicht schmälern.
Fazit
Bei dieser spannenden Geschichte fiebern die Leser an jeder Stelle mit der mutigen Heldin mit, die alles für ihre Familie tun würde. Ein überaus gelungener Auftakt in die Shadowspell-Reihe.

