Klappentext
Grace Mancuso, einzige Tochter des großen Mancuso-Paten, fiebert dem Tag entgegen, an dem sie ihren Mister Right, Lucino Luchese, endlich ihrer Familie vorstellen darf. Dragon De Angelis hat in Aurelia Bono die perfekte Frau gefunden und ist endlich bereit, sie um ihre Hand zu bitten. Vier Menschen, vier Clans, vier Schicksale. Sie sind beinahe glücklich, als ein Sturm über New York hereinbricht und sie in Figuren auf einem Schachbrett verwandelt, die von den mächtigen Mafiabossen hin- und hergeschoben werden. Mit einem Mal kämpfen sie nicht nur um ihre Zukunft, ihre Liebe und ihr Glück, sondern auch ums nackte Überleben. Das Herz fordert seinen Tribut, doch die Pflicht, diese verdammte Verpflichtung gegenüber der Familie, schlägt wie eine Axt dazwischen. Werden sie sich fügen oder kämpfen? Alles riskieren und mit dem Ergebnis leben, egal in welche Richtung sich die Waagschale neigt?
Meine Meinung
Der erste Band der Games of Blood-Reihe „Mind over Heart“ ist spannende, brutale Dark Romance für ein New Adult-Publikum. Die drei Hauptfiguren Grace, Luke (Lucino) und Dragon leben in einer erbarmungslosen Mafia-Welt, in der die Loyalität zur Familie über allem steht. Die eigenen Wünsche, wozu auch die Liebe zu einem Partner gehört, müssen hinten anstehen, was ein zentrales Thema des Buches ausmacht.
In den ersten beiden Kapiteln lernen wir die 19jähriger Grace kennen, einzige Tochter des New Yorker Bürgermeisters und Chef des mächtigsten Mafiaclans der Stadt. Obwohl sie reich und schön ist, ist ihr Leben alles andere als angenehm. Für kleinere Vergehen (zum Beispiel ein unerlaubter Partybesuch) wird sie auf das Stephanos-Institut verbannt – oder noch schlimmere Einrichtungen, wie Grace anschaulich beschreibt:
Sie diskutieren nicht mit mir, sie tadeln mich auch nicht, sondern verbannen mich einfach in die Erziehungsanstalt.
Meine vier Brüder dürfen alles, ich darf nichts.
Als sie dahinterkamen, dass ich nach dem Essen kotzen ging, steckten sie mich nicht ins Institut – es war schließlich eine Krankheit – sondern in das Irrenzentrum der Upperclass, in der die Behandlung pro Tag um die sechstausend Dollar kostet. Es wurde strikt geheimgehalten, auf der Fahrt dorthin musste ich Kopftuch und Sonnenbrille tragen, dabei sind die Scheiben der Limousine sowieso getönt. Aber es gibt ja den Moment, in dem du aus dem Auto steigst und ins Gebäude gehst.
Irgendwer könnte mit dem Handy draufhalten. Ein Klick, ein Foto, und die Familienehre wäre im Arsch. Das Institut ist hart, aber die Zeit im Irrenzentrum garantiert auch kein Wellnessurlaub. Ich hatte Kontaktsperre und stundenlange Gespräche mit einem Psychologen, der mir ständig auf die Brüste glotzte und meinte, ich würde es nicht merken. Vielleicht war es ihm auch scheißegal, wer glaubt schon einer minderjährigen Irren? Außerdem musste ich essen, sonst drohten Strafen, die es in sich hatten. Ich habe schon etliche Stunden in der Gummizelle zugebracht, manchmal haben sie das Licht ausgestellt, sodass ich im Dunkel saß, oder es tagelang nicht gelöscht. Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, was schlimmer ist.
Das Handy wurde mir abgenommen und überhaupt alles konfisziert, womit ich mir die Zeit vertreiben konnte. Das klingt vielleicht banal, aber wenn du ein paar Tage in dunkler Isolation gesessen oder absolut nichts zu tun hast, außer aus dem Fenster zu blicken, ist der Wahnsinn verdammt nah und du tust alles, was man dir sagt, um ihn noch mal abzuwenden.
Seitdem heißt das Irrenzentrum bei mir auch das Guantanamo der Upperclass.
Auf jeden Fall wurde mir schnell klar, dass ich da raus muss, bevor ich den Verstand verliere – wie es ja auch geplant war. Die nach Hilfe rufenden Teenager werden dorthin verfrachtet, um wieder auf Linie gebracht zu werden. Es geht nicht um Heilung, sondern darum, sie so abzurichten, dass sie keine wandelnden Skandalproduzenten sind.
Nach vier Wochen wurde ich als geheilt entlassen und ich habe nie wieder gekotzt. Diese Rosskur will ich garantiert nicht noch mal durchmachen. In dieser Zeit begriff ich endlich, das ich mich durchschlagen muss, ohne häufig aufzufallen. Am besten richten sie ihren Fokus so selten wie möglich auf mich, denn sie sind einfach stärker als ich.
Widerstand zwecklos.
Meine Mom meinte, mein kurzer Ausflug in die Bulimie läge an den Debütantinnenbällen, weshalb ich ab diesem Zeitpunkt davon befreit war. Mein Dad versuchte sogar, ein Gespräch mit mir zu führen, also ein echtes, in dem er mehr als einen Satz von sich gab, wir uns in diesem Raum gegenübersaßen und er mich aufforderte, ihm von meinen ›Problemen‹ zu berichten. Am Ende kam nicht viel dabei raus. Er hatte schon immer Schwierigkeiten, mich zu verstehen und ich über die Jahre mangels Übung einfach verlernt, mich ihm verständlich zu machen. Wir kamen dahinter, dass wir beide zwar Englisch reden, unsere Sprachen aber trotzdem verschieden sind.
Kera Jung lässt uns viel an den Gedanken ihren Hauptfiguren (Grace, Luke und Dragon) teilnehmen, was grundsätzlich eine der Stärken des Romans ist, da wir sie so als komplexe Charaktere kennenlernen und der Stil der Autorin eingängig und gut verständlich ist. Im Fall von Grace übertreibt sie es jedoch gerade am Anfang, denn Grace erzählt auf die oben beschriebene Weise seitenlang, ohne, dass es groß in die Handlung eingebettet wäre.
Ein weiterer kleiner Kritikpunkt: Was die Autorin über Grace schreibt, ist wenig glaubwürdig. Grace wird rund um die Uhr überwacht und darf das Haus ohne Erlaubnis nicht verlassen. Warum sollte der New Yorker Bürgermeister, selbst wenn er das Oberhaupt eines Mafiaclans ist, seine Tochter einsperren, manchmal sogar einer Isolationshaft aussetzen? Zudem: Grace soll mit anderen Menschen möglichst wenig in Kontakt treten und Freundschaften mit Klassenkameradinnen sind unerwünscht. Warum sollte ihr Vater ihr das verbieten? – Die Intention der Autorin ist klar Wir sollen mit ihrer Heldin mitempfinden und begreifen, dass sie in einem goldenen Käfig lebt. Ziemlich hanebüchen, wenn ihr mich fragt. Andererseits – das wird wohl der Großteil der Zielgruppe dieser Dark Romance und New Adult-Serie denken – wen stört es? Man nimmt es als Setting, und Kera Jung hat mit ihrer Strategie auch bei mir durchaus Erfolg: Ich konnte mich mit Grace, Luke und Dragon durchweg gut identifizieren.
Es liegt vor allem daran, dass den Hauptfiguren extrem übel mitgespielt wird, was sie zu schmerzhaften Entscheidungen zwingt. Die Handlung ist düster, reich an Überraschungen und emotional mitreißend, weil wir die Konflikte der Hauptfiguren hautnah miterleben. Ich konnte ihre Handlungen stets nachvollziehen, und die Geschichte ist durchweg spannend, bis sie am Ende des ersten Bandes in einem Cliffhanger endet.
Ich möchte noch etwas zum Stil sagen im Zusammenhang mit den ›Helden‹ der Geschichte. Schon bei dem Textausschnitt aus der Perspektive von Grace, sehen wir, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Ausdrücke wie ›scheißegal‹ sind normal. Bei den männlichen Perspektivfiguren vervielfacht sich diese Art von Fäkalsprache, und es kommt ein weiterer Punkt hinzu: Die Masse der frauenverachtenden Gedanken und Dialoge fand ich auf Dauer abstoßend, auch wenn es bei den handelnden Charakteren durchaus glaubwürdig ist. So denken die Figuren wirklich, und sie sind auch in anderen Hinsichten nicht sonderlich sympathisch: Bis auf Aurelia flucht und kifft durchgängig jeder Charakter des Buches (nicht nur die Perspektivfiguren) oder/und ist Alkoholiker, was die Autorin durchaus plausibel macht. Genre Fans dürfte dies weniger stören als mich, oder sie fühlen sich vielleicht gerade durch die dunklen Seiten ihrer Helden angesprochen. Es ist natürlich Geschmacksache.
Als letzten auch eher kleinen Kritikpunkt weise ich auf einige ziemlich unglaubwürdige Handlungselemente hin, die ich nicht wiedergeben will um nicht zu spoilern. Sie haben mich vor allem deshalb gestört, weil sie leicht zu vermeiden gewesen wären. Wegen dieser Punkte gebe ich „Mind over Heart“ nur 5 von 7 Punkten, obwohl die Geschichte durchweg spannend und die Charaktere faszinierend und glaubwürdig sind.
Fazit
Der erste Band der „Games of Blood“-Reihe von Kera Jung spielt im New Yorker Mafiamilieu und besticht durch seine komplexen, gut ausgeleuchteten Charaktere. Dark Romance Fans, die sich nicht an den vulgären, oft frauenfeindlichen Dialogen und Ansichten der männlichen Figuren über Frauen stören, kommen bei der wendungsreichen Handlung voll auf ihre Kosten.

