Khaled Hosseini – Drachenläufer

Ein Roman über Schuld, Scham und Erlösung vor dem Hintergrund der Geschichte Afghanistans – brillant und herzergreifend erzählt.

Klappentext

Afghanistan 1975: Der zwölfjährige Amir will unbedingt einen Wettbewerb im Drachensteigen gewinnen, um seinem Vater seine Stärke zu beweisen. Dazu braucht er die Hilfe von Hassan. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft verbindet die beiden Jungen eine innige Freundschaft. Bis am Tag des Wettkampfs diese von Amir auf schreckliche Weise verraten wird. Die Wege der beiden trennen sich, während das Land gleichzeitig seiner Zerstörung entgegengeht. Viele Jahre später kehrt der erwachsene Amir aus dem Ausland in seine Heimatstadt zurück, um seine Schuld zu tilgen. Doch Kabul hat sich seit damals sehr verändert.

Meine Meinung

In „Drachenläufer“ behandelt der afghanisch-amerikanische Autors Khaled Hosseini die Themen Schuld, Scham und Erlösung am Beispiel der Freunde Amir und Hassan, die in Kabul in benachbarten Häusern aufwachsen. Trotz ihrer Freundschaft herrscht ein starkes soziales Gefälle zwischen den Jungen. Hassan und sein Vater Ali arbeiten für Amirs Vater (Baba). Letztere sind Paschten, erstere gehören der Volksgruppe der Hazaras an, die von den Paschtunen Jahrhunderte lang unterdrückt wurden.

Amir erzählt die Geschichte in der Ich-Form: einmal rückblickend, indem er seine Kindheit und die Flucht aus Kabul beschreibt und zweitens die Gegenwart des Jahres 2001. Ich gebe an dieser Stelle die ersten Abschnitte des Buches wider. Sie setzen das Thema und den Grundton des Romans.

An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich – im Alter von zwölf Jahren – zu dem, der ich heute bin. Ich erinnere mich noch genau an den Moment: Ich hockte hinter einer bröckelnden Lehmmauer und spähte in die Gasse in der Nähe des zugefrorenen Bachs. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, aber das, was man über die Vergangenheit sagt, dass man sie begraben kann, stimmt nicht. So viel weiß ich nun. Die Vergangenheit wühlt sich mit ihren Krallen immer wieder hervor. Wenn ich heute zurückblicke, wird mir bewusst, dass ich die letzten sechsundzwanzig Jahre immerzu in diese einsame Gasse gespäht habe.

Kurz nach dieser Einleitung wird Amir von seinem Freund Rahim Khan angerufen. Dieser möchte, dass er ihn in Pakistan besucht, und er erwähnt, dass es ›eine Möglichkeit (gibt), es wieder gutzumachen.‹

Ich dachte an Hassan. An Baba. An Ali. An Kabul. Ich dachte an das Leben, das ich geführt hatte, bis jener Winter des Jahres 1975 kam und alles veränderte. Und mich zu dem machte, der ich heute bin.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Feigheit, Scham und Schuldgefühle Amir  dazu brachten, sich gegenüber Hassan als Zwölfjähriger so schäbig zu verhalten, dass ihre Freundschaft zerbrach. Amir ist die Figur, die sich mit Abstand am meisten verändert, und der Roman beschreibt, wie er am Ende von seiner Schuld erlöst wird, was auf dramatische Weise geschieht.

Der Ich-Erzähler und sein Vater sind die beiden Charaktere, die in all ihren Bestrebungen, Widersprüchen und Konflikten beschrieben werden. Amirs größtes Problem besteht darin, Babas Anerkennung zu bekommen, denn er ist ein zarter Junge, der körperliche Auseinandersetzungen hasst und seine Leidenschaft im Schreiben gefunden hat. Baba wünscht sich hingegen einen Sohn, der mehr ist wie er: entscheidungsstark, selbstbewusst und stark. Die Beziehung zwischen ihnen wirkt glaubwürdig und lebendig, zumal auch Baba sich im Laufe der Geschichte verändert: Vater und Sohn nähern sich an.

Mit einer zweiten Textstelle möchte ich die Beziehung von Amir zu seinem Vater veranschaulicht. In ihr setzt Baba eine moralische Messlatte, die für den Roman wichtig ist. In ihr spricht Amir seinen Vater darauf an, dass sein Lehrer sagte, Alkoholkonsum sei eine Sünde. Pikanterweise gießt Baba sich in diesem Moment  einen Scotch ein. Trotzdem ist er bereit, Amir eine ernsthafte Antwort zu geben.

»Du hast mich nach der Sünde gefragt, und ich möchte dir darauf antworten. Hörst du mir auch zu?«

»Ja«, sagte ich und presste die Lippen zusammen. Aber ein Glucksen entwich mir durch die Nase und verursachte ein schnaubendes Geräusch. Das brachte mich wieder zum Kichern.

Baba durchbohrte mich mit einem kalten Blick, und mit einem Mal lachte ich nicht mehr. »Ich möchte mit dir von Mann zu Mann reden. Meinst du, dass du das ausnahmsweise einmal schaffst?«

»Ja, Baba Jan«, murmelte ich und staunte nicht zum ersten Mal darüber, wie sehr mich Baba mit einigen wenigen Worten zu verletzen vermochte. Wir hatten einen flüchtigen guten Moment miteinander gehabt – es kam nicht oft vor, dass Baba sich mit mir unterhielt, und noch seltener setzte er mich dazu auf seine Knie –, und ich war ein Narr gewesen, ihn zu verschwenden.

»Gut«, sagte Baba, aber seine Augen zweifelten. »Also, egal, was der Mullah auch lehren mag, es gibt nur eine Sünde, eine einzige Sünde. Und das ist der Diebstahl. Jede andere Sünde ist nur eine Variation davon. Verstehst du das?«

»Nein, Baba Jan«, erwiderte ich und wünschte mir verzweifelt, dass ich es täte. Ich wollte ihn nicht schon wieder enttäuschen. Baba stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. Auch das verletzte mich, denn er war kein ungeduldiger Mann. …

»Wenn du einen Mann umbringst, stiehlst du ein Leben«, sagte Baba. »Du stiehlst seiner Frau das Recht auf einen Ehemann, raubst seinen Kindern den Vater. Wenn du eine Lüge erzählst, stiehlst du einem anderen das Recht auf die Wahrheit. Wenn du betrügst, stiehlst du das Recht auf Gerechtigkeit. Begreifst du jetzt?«

Amir begreift es, weil Babas Vater von einem Dieb erstochen wurde.

»Es gibt keine erbärmlichere Tat als das Stehlen, Amir«, erklärte Baba. »Ein Mann, der sich nimmt, was ihm nicht gehört, mag es ein Leben oder ein naan-Brot sein … auf diesen Mann spucke ich. Und sollte ich jemals seinen Weg kreuzen, so gnade ihm Gott. … Wenn es einen Gott da draußen gibt, dann hoffe ich, dass er wichtigere Dinge zu tun hat, als sich darum zu kümmern, ob ich Scotch trinke oder Schweinefleisch esse.«

Amirs späteres Verhalten Hassan gegenüber wird ihn in der Definition des Vaters zu einem Dieb machen, was die Größe seiner Scham noch erhöht.

Die anderen Hauptfiguren des Romans verändern sich nicht.  Hassan und sein Vater Ali verhalten sich von Anfang bis Ende loyal, verzeihend und gutmütig im Hinblick auf Amir und wirken in ihrer personifizierten Unschuld eindimensional.

Auch Assef, Amirs und Hassans Gegenspieler in Kindheit und Gegenwart, verändert sich von Anfang bis Ende des Romans nicht. Er ist durch und durch böse und ist damit ebenfalls eindimensional gezeichnet. Ich sehe dies ebenso wie bei Hassan und Ali, nicht nur als Nachteil, weil es der Geschichte guttut und entscheidend zur Dramatik der Geschehnisse beiträgt.

Wie Amir ist Assef Paschtun. Auch er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf, und es gibt viele weitere Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Doch im Gegensatz zu Amir hasst Assef die Hazara und will sie  vernichten. Das ist auch im Jahr 2001 noch so; Assef hat es zum Talibanführer gebracht. Die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Amir und Assef, lassen den Schluss zu, dass, Amir bei seinem Kampf gegen Assef auch gegen die dunklen Seiten seines eigenen Charakters  kämpft.

Details über die Handlung möchte ich nicht nennen, aber sie ist durchweg spannend und zum Schluss überaus dramatisch.

Fazit

Mit „Drachenläufer“ ist Khaled Hosseini ein wuchtiges, emotional tief bewegendes Drama über Freundschaft und Verrat sowie Scham, Schuld und Erlösung gelungen. Was das Buch umso lesenswerter und glaubwürdiger macht, ist der realistische Hintergrund des krisengeschüttelten Afghanistans, in dem ein Großteil der Handlung spielt.

                                    6 von 7 Punkten.

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