Leigh Bardugo – Das Gold der Krähen

Das Finale der Dilogie besticht durch seine vielschichtigen Charaktere und die spannende, trickreiche Handlung, die mit einigen Überraschungen aufwartet.

Klappentext

Sechs unberechenbare Außenseiter – ein unerreichtes Ziel!

Ein Dieb mit der Begabung, die unwahrscheinlichsten Auswege zu entdecken
Eine Spionin, die nur »das Phantom« genannt wird
Ein Verurteilter mit einem unstillbaren Verlangen nach Rache
Eine Magierin, die ihre Kräfte nutzt, um in den Slums zu überleben
Ein Scharfschütze, der keiner Wette widerstehen kann
Ein Ausreißer aus gutem Hause mit einem Händchen für Sprengstoff

Kaz Brekker und seinen Krähen ist ein derart spektakulärer Coup gelungen, dass sie selbst nicht auf ihr Überleben gewettet hätten. Statt der versprochenen fürstlichen Belohnung erwartet sie jedoch bitterer Verrat, als sie nach Ketterdam zurückkehren. Haarscharf kommen die Krähen mit dem Leben davon, doch Inej gerät in Gefangenschaft. Kaz trägt seinen Spitznamen »Dirtyhands« nicht ohne Grund – von jetzt an ist ihm kein Deal zu schmutzig und kein Risiko zu groß, um Inej zu befreien und seinen betrügerischen Erzfeind Pekka Rollins zu vernichten. 

Meine Meinung

Auch im zweiten Teil der Dilogie hat mich beeindruckt, wie mühelos Leigh Bardugo zwischen den Perspektiven der 6 Hauptfiguren hin und her jongliert, ohne, dass ich den Überblick verloren hätte. Im Gegenteil: Es macht Spaß, in die gegensätzlichen Charaktere einzutauchen. Ein schönes Beispiel ist eine zu Beginn des Romans aus Wylans Sicht beschriebene Szene. Er und Kaz brechen in das Haus eines Anwalts ein, um an Informationen zu kommen, die für Inejs Befreiung notwendig sind. Ihr Plan würde scheitern, wenn jemand von ihrem Eindringen erführe. Als sie das Zimmer verlassen und in den Flur treten wollen, kommt es zu folgender Begegnung.

Über Kaz`Schulter hinweg sah Wylan ein kleines Mädchen, das auf dem Treppenabsatz stand und sich gegen den Hals eines riesigen grauen Hundes lehnte. Sie war vielleicht fünf Jahre alt, und ihre Zehen waren unter dem Saum eines Flanellhemds kaum zu sehen.

»O Ghezen«, flüsterte Wylan.

Kaz trat hinaus in den Flur und zog die Tür hinter sich fast vollständig zu. Wylan zögerte, stand in dem dunklen Arbeitszimmer und wusste nicht genau, was er tun sollte, außerdem hatte er Angst vor dem, was Kaz tun könnte.

Das Mädchen sah mit großen Augen zu Kaz auf, dann zog es den Daumen aus dem Mund. »Arbeitest du für meinen Pa?«

»Nein.« …

Wylan erschauerte. Durch den Türspalt sah er, wie Kaz in die Hocke ging, damit er dem kleinen Mädchen in die Augen sehen konnte. »Wie heißt der große Kerl hier denn?«, fragte Kaz und legte eine Hand auf den faltigen Nacken des Hundes.

»Das ist Herr Tupfen.«

»Ah ja?«

»Er kann sehr schön heulen. Pa lässt mich alle Welpen Namen geben.“

»Ist Herr Tupfen dein Liebling?«, fragte Kaz.

Sie schien nachzudenken, dann schüttelte sie den Kopf. »Ich mag Herzog Addam von der Silberkeule am liebsten, dann Fusselschnauze, dann Herrn Tupfen.«

»Das ist gut zu wissen, Hanna.«

Ihr Mund öffnete sich, und die Lippen formten ein kleines O. »Woher weißt du meinen Namen?«

»Ich kenne die Namen aller Kinder.«

»Das tust du?«

»Oh, ja. Von Albert, der nebenan wohnt, und von Gertrude in der Ammberstraat. Ich wohne unter ihren Betten und ganz hinten in ihren Schränken.«

»Ich wusste es«, hauchte das Mädchen, und Angst und Triumph schwangen gleichermaßen in ihren Worten mit. »Mama sagte, da wäre nichts, aber ich wusste es.« Sie neigte den Kopf zur Seite. »Du siehst nicht aus wie ein Monster.«

»… Die wirklich bösen Monster sehen nicht aus wie Monster.«

Jetzt begann die Unterlippe des kleinen Mädchens zu zittern. »Bist du hergekommen, um mich zu fressen? Pa sagt, Monster essen Kinder, die nicht ins Bett gehen, wenn man es ihnen sagt.«

»Das tun sie. Aber ich werde das nicht machen. Nicht heute Nacht. Wenn du zwei Dinge für mich tust.«

(Kaz erklärt ihr, welche schrecklichen Dinge er mit ihr und ihrer Familie anstellen wird, wenn sie irgendjemandem von der Begegnung erzählt.)

Das Gesicht des kleinen Mädchens war so weiß wie die Spitze, die den Kragen ihres Nachthemds säumte, und ihre Augen waren so groß und hell wie Monde.

»Verstehst du das?«

Sie nickte wie wild, und ihr Kinn bebte.

»Na, na, keine Tränen. Monster sehen die Tränen, und das macht ihnen nur Appetit. Und jetzt ab ins Bett mit dir, und nimm diesen nutzlosen Herrn Tupfen mit.«

Als sich die Einbrecher in Sicherheit befinden, wirft Wylan Kaz vor, wie schlimm er die Kleine behandelt habe. Kaz gibt ihm eine lakonische Antwort: »Es ging nur so, oder ich hätte ihr das Genick brechen und es so aussehen lassen müssen, als wäre sie die Stufen hinabgefallen, Wylan. Ich finde, ich habe bemerkenswerte Zurückhaltung bewiesen.«

Das Buch lebt von seinen lebendigen Hauptfiguren, die alle unterschiedliche Ziele verfolgen. Was sie eint, ist ihr Wunsch Inej zu befreien und die Kaufleute, die sie betrogen haben, zu bestrafen. Im Zentrum der Handlung steht Kaz Brekker, der das Vorgehen der Gruppe bestimmt, ohne sie in alle Details einzubeziehen. Dies führt zu teilweise witzigen Auseinandersetzungen, vor allem fördert es jedoch die Spannung. Denn auch wir Leser werden oft im Unklaren gelassen. Wir fragen uns, was genau vor sich geht und werden mit vielen überraschenden Wendungen belohnt. Actionszenen wechseln sich mit witzigen Dialogen und einigen wirklich dramatischen Begegnungen ab.

Eine solche Begegnung findet einen Tag vor dem Ende des Ablaufs der entscheidenden Frist statt. Am Tag darauf wird der Kaufmann Van Eck Kaz Brekker Inej, Kaz`begnadete Kletterin und Kundschafterin töten, wenn er ihm nicht einen bestimmten Wissenschaftler ausliefert. Inej hat gerade einen Fluchtversuch unternommen, der scheiterte. Nun liegt sie gefesselt auf einem Tisch und soll Van Eck sagen, wo Kaz Brekker und seine Helfer sich aufhalten. Inej weigert sich, obwohl der säbelnasige Wächter des Kaufmanns mit dem Messer bereitsteht, um sie zu foltern. Als Van Eck Inejs Entschlossenheit sieht, hält er den Wächter zurück und sagt:

»Warte«, sagte Van Eck. Er musterte Inej, als würde er ein Hauptbuch lesen, als versuche er, die Zahlen darin zu erfassen. Er legte den Kopf schief und sagte: »Brich ihr die Beine.«

Inej spürte, wie ihr Mut zerbrach. Sie fing an, um sich zu treten und sich aus dem Griff der Wachen zu befreien.

»Ah«, sagte Van Eck. »Das habe ich mir gedacht.«

Der säbelnasige Wächter suchte ein schweres Rohrstück aus.

»Nein«, sagte Van Eck. »Ich will keinen glatten Bruch. Nimm einen Hammer. Die Knochen sollen zersplittern. … Niemand wird Euch mehr zusammensetzen, Miss Ghafa. Vielleicht könnt ihr den Vertrag abbezahlen, indem Ihr um Pennies im Ost-Stave bettelt und dann jede Nacht zurückkriecht in den Verhau, vorausgesetzt, Brekker hat dann dort noch ein Zimmer übrig.«

»Tut das nicht.« Sie wusste nicht, ob sie sich oder Van Eck anflehte. Sie wusste nicht, wen sie in diesem Moment mehr hasste.

Der Wächter nahm einen Stahlhammer.

Inej wand sich auf dem Tisch, sie war jetzt schweißüberströmt. Sie konnte ihre eigene Angst riechen. »Tut das nicht«, wiederholte sie. »Tut das nicht.«

Der säbelnasige Wächter wog das Gewicht des Hammers in den Händen. Van Eck nickte. Der Wächter schwang ihn in einem geschmeidigen Bogen nach oben.

Inej sah zu, wie sich der Hammer hob und den Scheitelpunkt erreichte, wie das Licht auf seinem breiten Kopf glänzte, die flache Vorderseite eines toten Monds. Sie hörte das Knistern der Lagerfeuer, dachte an das Haar ihrer Mutter, von persimonfarbenen Seidenbändern durchzogen.

»Er wird niemals verhandeln, wenn Ihr mich zerbrecht!«, schrie sie. Die Worte befreiten sich aus einem Ort tief in ihrem Innern, und ihre Stimme klang rau und hilflos. »Ich werde keinen Nutzen mehr für ihn haben!«

Van Eck hob die Hand. Der Hammer fiel.

Inej spürte, wie er an ihrer Hose entlangstrich, während der Aufprall die Oberfläche des Tischs nur um Haaresbreite von ihrem Knöchel unter seiner Gewalt zerschmetterte.

›Mein Bein‹, dachte sie und begann heftig zu zittern. ›Das hätte mein Bein sein können.‹ Ein metallischer Geschmack war in ihrem Mund. Sie hatte sich auf die Zunge gebissen. ›O Heilige, beschützt mich. O Heilige beschützt mich.‹

»Das ist ein interessantes Argument«, sagte Van Eck nachdenklich. Er tippte mit dem Finger gegen die Lippen und dachte nach. »Denkt darüber nach, wo Eure Loyalitäten liegen, Miss Ghafa. Morgen Nacht könnte ich nicht mehr so gnädig gestimmt sein.«

Inej konnte das Zittern nicht kontrollieren. ›Ich werde dich aufschlitzen‹, schwor sie sich im Stillen. ›Ich werde diese klägliche Entschuldigung eines Herzens aus deiner Brust schneiden.‹ Es war ein zutiefst böser und abscheulicher Gedanke. Aber sie konnte nicht anders. Würden ihre Heiligen so etwas dulden? Würde die Vergebung erfolgen, wenn sie nicht tötete, um zu überleben, sondern, weil sie vor lebendigem, strahlendem Hass brannte? ›Es ist mir egal‹, dachte sie, als sich ihr Körper verkrampfte und die Wächter ihre zuckende Gestalt vom Tisch hoben. ›Ich werde für den Rest meines Lebens Buße tun, wenn das bedeutet, dass ich ihn töten kann.‹

Fazit

Auch der zweite Band der Krähen-Dilogie überzeugt durch seine vielschichtigen Hauptfiguren und eine spannende, wendungsreiche Handlung. Spannende Szenen wechseln sich mit sprtzigen Dialogen, Rätselraten und Action ab. Ein rundum gelungenes Finale.

 

7 von 7 Punkten.

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