Liz Nugent – Seltsame Sally Diamond

Ein Buch, das unter die Haut geht - bewegend, erschreckend und nichts für schwache Nerven!

Klappentext

Als ihr Adoptivvater kurz vor ihrem 44. Geburtstag stirbt, nimmt Sally Diamond ihn beim Wort: Sie versucht, ihn mit dem Müll zu verbrennen. So wie er es ihr gesagt hat. Ein Fehler, denn nun interessieren sich plötzlich alle für die seltsame Frau, die sich gerne taub stellt, wenn sie unter Menschen geht und am liebsten für sich bleibt: Polizei, Nachbarn, Medien – und eine unheimliche Stimme aus einer Vergangenheit, an die sie sich nicht erinnert. Während sie nach und nach von den schrecklichen Geheimnissen ihrer frühen Kindheit erfährt, nähert sich Sally zum ersten Mal vorsichtig der Welt. Sie übt sich in Vertrauen, schließt Freundschaften, trifft große Entscheidungen und lernt, dass Menschen nicht immer meinen, was sie sagen und nicht immer sind, was sie vorgeben zu sein.

Doch wer ist der mysteriöse Fremde, der so viel über sie zu wissen scheint und ihr Nachrichten von der anderen Seite des Globus schickt? Und wieso ist der neue Nachbar so besessen von ihr?

 Meine Meinung

Ich habe die Hauptfigur Sally von der ersten Seite an in mein Herz geschlossen. Sie ist geradlinig und ehrlich und schafft es auf eine wunderbar erfrischende Weise, anderen Menschen ihre Andersartigkeit zu erklären, denn sie trägt eine harte Bürde. Die Kapitel, die aus ihrer Sicht geschrieben sind, habe ich durchweg mit Genuss gelesen. Sie spielen in der Jetzt-Zeit und erzählen, wie Sally mit der neuen Erkenntnis umgeht, was sie als Kind erlebte, woran sie sich jedoch nicht erinnern kann.

Dieser Psychothriller von Liz Nugent ist ein harter Stoff, den man nicht mal einfach so runterliest. Viele Passagen aus der Sicht von Sallys Bruder Peter sind schwer zu ertragen. Dieser taucht im zweiten Teil des Romans auf. Danach wechseln sich die Perspektiven der beiden Ich-Erzähler kapitelweise ab.

Die Autorin hat Sally eine wunderbare Stimme verliehen, wie der Anfang des Romans zeigt, den ich hier wiedergebe:

»Entsorg mich im Müll«, sagte er immer. »Wenn ich sterbe, kannst du mich einfach mit dem Müll entsorgen. Ich bin dann ja tot, für mich macht das keinen Unterschied mehr. Du wirst dir natürlich die Augen aus dem Kopf weinen.« Er lachte, und ich lachte auch, denn wir wussten beide, dass ich mir nicht die Augen aus dem Kopf weinen würde. Ich weine nie.

Als es so weit war, am Mittwoch, dem 29. November 2017, befolgte ich die Anweisungen. Er war zweiundachtzig Jahre alt, klein und gebrechlich, und ich bekam ihn problemlos in einen der großen Säcke für Gartenabfälle.

Er war seit etwa einem Monat bettlägerig gewesen. »Keine Ärzte«, sagte er. »Die Brüder kenne ich.« Was stimmte, denn er war selbst Arzt, Psychiater. Er durfte auch noch Rezepte ausschreiben und schickte mich immer nach Roscommon, damit ich sie einlöste.

Ich habe ihn nicht umgebracht, das nicht. Als ich an jenem Morgen mit seinem Tee ins Zimmer kam, lag er tot im Bett. Seine Augen waren geschlossen, Gottseidank. Ich hasse es, wenn in den Fernsehkrimis die Leiche zum Ermittler hochstarre. Vielleicht hat man die Augen ja nur auf, wenn man ermordet worden ist?

»Dad?«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass er tot war.

Ich setzte mich ans Fußende seines Betts, nahm den Deckel vom Becher und trank seinen Tee, obwohl mir der Zucker fehlte, den ich immer in meinen gebe. Ich tastete noch nach seinem Puls, aber seine wächserne Haut war eindeutig die eines Toten. Wobei wächsern nicht das richtige Wort ist. Es war eher so als … als gehörte die Haut nicht mehr zu ihm oder er nicht mehr zu der Haut.

Den Sack über den Hof zur Scheune zu befördern, war mühsam. Ich musste ihn immer wieder auf die Schulter nehmen, sonst wäre er auf dem überfrorenem Boden aufgerissen. Als Dad noch gesund war, hatte er einmal im Monat den Abfall in der Feuertonne verbrannt. Er weigerte sich, die Müllgebühren zu bezahlen, und da wir an einem so abgeschiedenen Ort lebten, machte uns die Gemeinde keinen Ärger.

Ich wusste, dass sich Leichen zersetzen, dass sie verwesen und anfangen, übel zu riechen, deshalb hievte ich den Sack in die Feuertonne, schüttete etwas Benzin darüber und setzte ihn in Brand. Ich blieb nicht da, um dem Feuer bei seiner Arbeit zuzuhören. Das war nicht mehr er, es war nur noch ein Leichnam, ein Es in einer privaten Feuertonne in einer Scheune auf einer Weide bei einem Haus am Ende einer kleinen Straße, die von einer Landstraße abging.

Dort, in dem Dorf Carricksheedy, lebt Sally seit ihrer Adoption Thomas Diamond und seiner verstorbenen Frau. Sie weiß, dass sie von den beiden im Alter von sechs Jahren adoptiert wurde. Sie weiß auch, dass sie nicht so ist wie andere Leute, sondern emotional von ihnen abgekoppelt, wie ihr Vater es ihr erklärte.

Sally hat eine Diagnose (sie ist ›sozial defizitär‹), weshalb sie eine Rente bekommt. Fünf Tage nach dem Tod ihres Vaters geht Sally aufs Postamt, um diese abzuholen. Dort halten sie die Leute für taub, weil Sally keine Lust hat, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Liz Nugen beschreibt diese Szene wie folgt:

Mrs Sulllivan wollte mir auch Dads Rente geben. Ich schob die Scheine wieder zu ihr zurück, worauf sie mich fragend ansah und rief: »Ihr Dad braucht doch seine Rente!«

»Nein«, sagte ich. »Er ist gestorben.« Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe, und ihr Mund klappte auf.

»Meine Güte«, sagte sie. »Sie können sprechen. Das hab ich nicht gewusst. Was haben Sie gerade gesagt?«, und ich musste noch einmal wiederholen, dass ich Dads Rente nicht mehr brauchte, weil er tot war.

Sie schaute zur Frau des Metzgers, die hinter mir stand. »Sie kann sprechen«, sagte sie, und die Frau des Metzgers sagte: »Unglaublich.«

»Das tut mir ja so leid.« Mrs Sullivan schrie trotzdem weiter, und die Frau des Metzgers streckte den Arm aus und legte ihn auf meinen Ellbogen Ich zuckte zusammen. Und schüttelte ihn ab.

»Wann ist die Beerdigung?«, fragte sie. »Ich habe gar keine Todesanzeige gesehen.«

»Es gibt keine Beerdigung«, sagte ich. »Ich habe ihn selbst eingeäschert.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte Mrs Metzger, und ich erklärte ihr, ich hätte ihn in die Feuertonne gestockt, weil er mir gesagt habe, ich solle ihn im Müll entsorgen, wenn er tot sei.

Es wurde still im Raum, und ich wandte mich zum Gehen, da fragte Mrs Metzger mit bebender Stimme: »Woher wussten Sie denn, dass er tot war?«, und Mrs Sullivan sagte zu Mrs Metzger: »Ich weiß gar nicht, wen ich jetzt anrufen soll. Die Garda oder einen Arzt?«

Ich drehte mich wieder zu ihr um und sagte: »Für einen Arzt ist es zu spät, er ist tot. Und warum sollten die Garda kommen?«

»Sally, wenn jemand stirbt, müssen die Behörden benachrichtigt werden.«

»Aber das geht die doch gar nichts an«, protestierte ich. Sie brachten mich ganz durcheinander.

Die Autorin führt uns empathisch vor Augen, wie Sally die Welt sieht und empfindet. Im folgenden ist wunderbar beschrieben, wie sie nach und nach den Weg in die Gemeinschaft findet, nachdem sie 37 Jahre lang fast nur mit ihren Adoptiveltern Kontakt hatte. Darin liegt für mich die große Stärke dieses Romans und warum ich ihn trotz des erschreckenden Inhalts empfehle. Letzterer wird über die zweite Perspektivfigur transportiert, Peter, dessen Geschichte wir vom Jahr 1974 bis ins Jahr 2018 mitverfolgen.

Über Peters Persönlichkeit werde in dieser Rezension nichts sagen, weil ich dadurch zu viele Sachen enthüllen würde, die die Leser sicher selbst entdecken wollen.

Was Peter erzählt, ist weitgehend schlüssig, aber es gab auch gravierende Ungereimtheiten, die sich zumindest mir nicht erschlossen haben. Bei einigen Geschehnissen hatte ich den Verdacht, dass sie vor allem dazu dienen, die Story spannender  zu machen. Das trifft auch auf einige Aspekte des Schlusses zu.

Zwei Beispiele möchte ich anführen, die schon zu Beginn des Romans enthüllt werden. Zum einen die Tatsache, dass Sallys Dad, der seit vierzig Jahren auch ihr Psychiater ist, wiederholt zu ihr sagt: »Entsorg mich im Müll.« Nachdem wir ihn in den ersten Kapiteln kennengelernt haben, wissen wir, dass er Sally extrem gut kennt und weiß, dass sie alles wörtlich nimmt. Niemals hätte er diesen Satz zu ihr gesagt.

Zweitens ist völlig unverständlich, dass die Polizei nach der Befreiung von Sally und ihrer Mutter das Haus des Entführers nicht auf DNA-Spuren untersuchte. Peter, Sallys Bruder lebte dort nämlich auch, aber im Roman wird so getan, als wäre es möglich, dass niemand von dessen Existenz weiß. Denn  Sallys Mutter wollte nicht über ihn sprechen und Sally erinnert sich nicht an ihn. Für den Plot wird das Nichtwissen um Peters Existenz jedoch benötigt, um eine Thrillerhandlung zu entwickeln.

Durch ihren versierten Schreibstil gelingt es der Autorin, eine große Nähe zum Erleben der Hauptfiguren zu schaffen und damit das Kernthema des Romans zum Ausdruck zu bringen. In dessen Zentrum stehen die seelischen, kaum verarbeiteten Wunden zweier Geschwister, deren Vater ihre Mutter entführte, vergewaltigte und weitergehend misshandelte und sie und ihre Kinder in einen fensterlosen Raum einsperrte. Liz Nugent thematisiert  die Frage, inwieweit es nach einer derart massiven Gewalteinwirkung möglich ist, ein befriedigendes Leben zu führen. Dies ist ihr gelungen, weshalb ich das Buch empfehle.

Fazit

Der Roman geht unter die Haut; er ist düster und spannend, aber auch ergreifend. Letzteres gelingt Liz Nugent  vor allem deshalb, weil ihre Hauptfigur Sally Diamond nicht nur einzigartig, sondern entwaffnend ehrlich und aufrichtig ist. Man muss sie einfach gerne haben. Es ist ein Buch, das  sicher nicht jeder lesen möchte, das man jedoch nicht vergessen wird.

                                  5 von 7 Punkten.

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