Klappentext
›Unterwerfung‹ erzählt die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.
Meine Meinung
Ganz sicher empfehle ich „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq nicht, weil mir der Ich-Erzähler sympathisch ist. Doch für diesen kühnen Roman ist der desillusionierte, einsame Literaturprofessor und Huysmans-Fan François perfekt, denn er verkörpert in vielerlei Hinsicht, wie „Mann“ so denkt. Das tut der Ich-Erzähler auf eine erhellende und pointiert-sarkastische Art und Weise, die schon an sich zu einem großen Lesevergnügen führt.
François stellt sich uns Lesern im Hinblick auf seine wichtigsten Lebensthemen, seinen Beruf und sein Verhältnis zu den Frauen, wie folgt vor:
Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier im Grund mit einem recht ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalen; die übrigen 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf. Nun schaden solche Studien aber auch nicht und können sogar einen geringfügigen Nutzen abwerfen. Ein junges Mädchen, das sich als Verkäuferin bei Céline oder Hermès bewirbt, muss selbstverständlich und in allererster Linie gepflegt auftreten; ein Abschluss in Literaturwissenschaften kann ein zusätzlicher Pluspunkt sein, dem Arbeitgeber wird eine gewisse mentale Beweglichkeit garantiert, wo ansonsten keine brauchbaren Kompetenzen vorhanden sind – außerdem ist die Literatur in der Industrie der Luxusgüter seit jeher positiv konnotiert.
Über die Frauen resümiert der Mitvierziger, dass er sowohl als Student als auch als Professor immer ungefähr eine Freundin pro Jahr hatte. Diese Liebesbeziehungen liefen nach einem relativ starren Muster ab.
Sie begannen am Anfang des Studienjahres während einer Übung, bei einem Austausch von Notizen aus dem Seminar, kurzum, bei einer der zahlreichen Gelegenheiten, sich zu sozialisieren … Zu Beginn des neuen Studienjahrs ging die Beziehung zu Ende, eigentlich immer auf Initiative der Mädchen. Im Sommer war ›etwas gewesen‹, so lautete die Erklärung, die ich, selten mit genaueren Details versehen, bekam; andere, die weniger besorgt um mich waren, ergänzten, dass sie ›jemanden getroffen‹ hätten.
François glaubt, dass Frauen solche Liebesbeziehungen als ›Praktika‹ verstanden, bevor sie zum krönenden Abschluss in die allerletzte Beziehung mündeten, die dieses Mal einen eheähnlichen und endgültigen Charakter haben würde und durch die Zeugung von Kindern zur Gründung einer Familie führen sollte.
Die völlige Sinnlosigkeit dieses Modells geht ihm auf, als er sich Jahre nach seiner Beziehung mit Aurelie mit ihr in einem Restaurant trifft. Schon bei ihrem Eintreten weiß er, dass ein trostloser Abend vor ihm liegt, weshalb er die beiden Flaschen Wein fast allein trinkt. Für François liegt auf der Hand:
dass Aurelie es keineswegs geschafft hatte, eine eheliche Beziehung aufzubauen, dass die Gelegenheitsabenteuer sie zunehmend ekelten, dass ihr Gefühlsleben kurz gesagt auf ein unumkehrbares und vollkommenes Desaster zusteuerte. Dabei hatte sie es mindestens ein Mal versucht, wie ich an verschiedenen Anzeichen erkennen konnte, und sie hatte sich von ihrem Scheitern nicht erholt. So bissig und verbittert, wie sie von ihren männlichen Kollegen sprach …, war es offensichtlich, dass sie ganz schön was eingesteckt hatte. Ich war überrascht, als sie mich trotzdem zu einem ›Absacker‹ einlud, kurz bevor wir aus dem Taxi stiegen. Die ist wirklich fertig, sagte ich mir, und schon als die Türen des Fahrstuhls sich hinter uns schlossen, wusste ich, dass nichts geschehen würde, ich hatte nicht einmal Lust, sie nackt zu sehen, hätte es gern vermieden, trotzdem passierte es und bestätigte mir nur, was ich schon geahnt hatte. Sie hatte nicht nur gefühlsmäßig eingesteckt, ihr Körper hatte irreparable Schäden erlitten, der Hintern und die Brüste waren nur mehr dünne, schrumpelige, schlaff herabhängende Hautlappen, sie war am Ende, würde nie wieder ein Objekt der Begierde sein.
Was der Ich-Erzähler hier so offen beschreibt, denken wahrscheinlich viele Männer ohne es an die große Glocke zu hängen. Houellebecq führt es noch einmal ins Extrem als François uns kurz darauf daran teilhaben lässt, wie ihm die Pornoseite YouPorn dabei hilft, sich davon zu überzeugen, dass er ein „stinknormaler Mann“ ist. Der Grund: die dort gezeigten Videos machen ihn an. In einem davon setzen zwei Frauen alles daran, einen Mann zu betören:
Der Schwanz ging von Mund zu Mund, die Zungen kreuzten sich, wie die Schwalben sich in leichter Unruhe im dunklen Südhimmel des Département Seine-et-Marne kreuzen, kurz bevor sie Europa verlassen, um dem Winter zu entfliehen.
Ich habe diese pointierten Beschreibungen auch deshalb gerne gelesen, weil sie so gut zur Geschichte passen, die der Autor erzählt. In den Feuilletons der Zeitungen wurde das Hauptthema des Buches unterschiedlich gesehen. Ein Teil der Kritiker meint, es gehe vor allem um den Zusammenprall der Kulturen des Christentums und des Islams in Frankreich. Meiner Ansicht nach ist das zu kurz gegriffen. Ich glaube, Houellebecq will zeigen, dass „rechte“ Einstellungen in der französischen Gesellschaft und weltweit stark ausgeprägt sind, und er spielt durch, was dies bei „normalen“ Bürgern bewirken kann, wenn sich die politischen Verhältnisse in diese Richtung verändern. Dabei konzentriert er sich auf die Frage, wie sich Männer nach einem konservativen Systemwechsel verhalten würden
Dazu greiftder Autor auf die politische Konstellation zurück, die in Frankreich seit den 2010er Jahren Dauerzustand ist. Es gilt zu verhindern, dass der Rassemblement National den Präsidenten stellt. Nicht nur in Frankreich sehnen sich viele Menschen nach den guten alten (patriarchalischen) Zeiten zurück, was erklärt, weshalb so viele rechtsextreme Gruppen wie die Identitäre Bewegung existieren. In 2027 werden wir – wenn auch in einem anderen Szenario – erleben, was der Autor beschreibt: nämlich, dass sich alle anderen Parteien um den Kandidaten scharen, der die besten Aussichten hat zu verhindern, dass der Vertreter der extremen Rechten Präsident wird . 2027 wird dies wahrscheinlich Jean-Luc Mélenchon von La France Insoumise sein.
Houellebecq thematisiert in seinem Roman die Frage, wie gut „normale“ Menschen auf radikale Systemwechsel vorbereitet sind, die langfristig nicht unwahrscheinlich sind. Auch in diesem Punkt zeigt sich, dass er seine Hauptfigur gut gewählt hat, die nach dem Wahlerfolg der Muslimbrüder sarkastisch anmerkt:
Wahrscheinlich ist es für Menschen, die in einem bestimmten sozialen System gelebt und es zu etwas gebracht haben, unmöglich, sich in die Perspektive solcher zu versetzen, die von diesem System nie etwas zu erwarten hatten und einigermaßen unerschrocken auf seine Zerstörung hinarbeiten.
Diesen Gedanken stellt François in Zusammenhang mit Hitlers Angriff auf Polen, den sich vor dem zweiten Weltkrieg auch niemand vorstellen wollte. Und er erinnert an das Schicksal von Kassandra, die Apollon dazu verdammte, dass niemand ihren Prophezeiungen Glauben schenken würde, was schließlich zu Trojas Untergang führte.
Wie sich der Charakter der Hauptfigur entwickelt, erleben wir im Laufe der Handlung, die vor dem Hintergrund des politischen Umbruchs in Frankreich spielt: die Gewaltexzesse vor der Präsidentenwahl, dem Sieg des Vertreter der Muslimbrüder im zweiten Wahlgang und den Veränderungen, die die neue, islamisch geprägte Regierung vornimmt. Die Arbeitslosigkeit sinkt, weil Frauen aus ihren Berufen gedrängt werden. Die Sozialausgaben werden radikal gekürzt, und im Bildungssektor kommt es zu umfangreichen Veränderungen. Aufstiegschancen haben nur Männer, die sich zum Islam bekennen. Mehrere Professoren der Sorbonne sind bereits konvertiert, zum Beispiel Rektor Rediger, vormals ein Anhänger der Identitären Bewegung. Das Ziel der Regierung besteht darin, eine autoritär-patriarchalische Gesellschaft aufzubauen, die auf dem Islam fußt. Zunächst gefällt es François nicht, dass sich die Frauen in der Öffentlichkeit vermummt zeigen müssen. Das ändert sich, als er erfährt, dass er in dem neuen System zur Elite gehört, die rund zehn Prozent der Bevölkerung umfasst. Diesen Männern winken goldene Zeiten, sowohl finanziell als auch deshalb, weil sie einen unendlichen Zugriff auf hübsche Frauen haben und Polygamie erlaubt werden soll.
Fazit
Sarkastisch und provokant entwirft Michel Houellebecq ein Frankreich, in dem der Islam die Macht übernimmt, und wie seine Hauptfigur François damit umgeht.

