Rachel Kushner – See der Schöpfung

Ein Roman mit einer angenehm unsympathischen Heldin, der das Spionagegenre mit tiefgründiger Gesellschaftskritik verbindet

Klappentext

Sadie Smith – 34, skrupellos, verführerisch, ehemalige CIA-Spionin – wird von einem namenlosen Auftraggeber in eine entlegene Gegend in Südfrankreich geschickt. Ihr Auftrag: Sie soll eine Kommune anarchistischer Umweltaktivisten infiltrieren, die im Verdacht steht, Anschläge verübt zu haben. Sadie blickt zunächst mit Verachtung auf die Idealisten und die französische Provinz mit ihren verschlafenen Dörfern und Höfen. Doch dann gerät sie in Kontakt mit Bruno Lacombe, dem Vordenker der Gruppe. Bruno lehnt die Zivilisation ab, er lebt in einer Neandertalerhöhle und sieht die Rettung der Menschheit in der Rückwendung zu ihren Ursprüngen. Die Auseinandersetzung mit ihm lässt Zweifel in der eigentlich so abgebrühten Sadie keimen, und sie, die die Fäden in der Hand zu halten glaubte, gerät mehr und mehr in seinen Bann.

Meine Meinung

Vielleicht wurde dieser Roman von Rachel Kushner deshalb für den Booker Prize und den National Book Award nominiert, weil es diese Mischung aus Spionagekrimi und der intellektuellen Auseinandersetzung mit komplexen gesellschaftlichen Fragen so noch nicht gab. In anderen Romanen würde es nicht passen – hier treiben diese Themen einige Protagonisten an. Zum Beispiel Bruno Lacombe, dessen E-Mails Sadie liest. Er schreibt sie an Pascal, den Anführer der französischen Ökokommune“ Le Moulin“.Eines von Brunos Lieblingsthemen thematisiert er im ersten Kapitel: den Neandertaler:

Neandertaler neigten zur Depression, meinte er.

Sie neigten auch zur Sucht und insbesondere zum Rauchen.

Wobei es wahrscheinlich sei, dass diese edlen und geheimnisvollen Taler (wie er die Neandertaler mitunter nannte) das Nikotin durch eine eher krude Methode aus der Tabakpflanze gewonnen hätten, etwa durch Kauender Blätter, bevor es zu jenem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Welt gekommen sei; als der erste Mann das erste Tabakblatt ins erste Feuer gehalten habe.

Als ich diesen Teil von Brunos E-Mail überflog, von „Mann“ über „Tabakblatt“ und „Feuer“ zu „gehalten“, sah ich einen Fünfzigerjahre-Rocker in weißem T-Shirt und schwarzer Lederjacke vor mir, der ein brennendes Streichholz andre Spitze seiner Camel hält und inhaliert. Der Rocker lehnt an einer Mauer – dann das machen die, sie lehnen und lungern herum – und stößt Rauch aus.

Bruno Lacombe erklärte Pascal in diesen E-Mails, die ich heimlich las, die Neandertaler hätten sehr große Gehirne gehabt. Zumindest seien ihre Schädel sehr groß gewesen, und wir könnten doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen, schrieb erlass diese Schädel mit Gehirn gefüllt gewesen seien.

Er benutzte moderne Metaphern, um die imposante Größe der Taler’schen Hirnschale zu beschreiben, verglich sie mit der von Zweiradmotoren, die ja, wie er anmerkte, auch nach ihrem Hubraum bemessen würde. Von allen menschenähnlichen, aufrecht auf zwei Beinen stehenden Gattungen, die in der vergangenen Million Jahre auf der Erde gelebt hätten, so Bruno, sie die Hirnschale des Neandertalers mit ihren kolossalen 1800 Kubikzentimetern ganz weit vorn.

Ich sah einen König der Straße vor mir, ganz weit vorn.

Ich sah seine Lederweste, seinen dicken Bauch, die ausgestreckten Beine, die Motorradstiefel auf vorverlegten breiten, verchromten Fußrasten. Sein Chopper ist mit einer Affenschaukel ausstaffiert, an deren Griffe er kaum herankommt, wobei er so tut, als bekäme er davon nicht schwere Arme und stechende Schmerzen in der Lendengehend.

Schon in diesem ersten Kapitel blitzt etwas von dem kühlen Witz auf, mit dem die Hauptfigur Sadie auf Bruno und die französische Ökokommune blickt. Die Gruppe will zu einem einfachen, ursprünglicheren Leben zurückkehren und ist gegen den Plan der französischen Regierung, im Sommer sogenannte „Mega-Bassins“ mit Grundwasser zu füllen. Womöglich plant sie einen Anschlag?

Die Ich-Erzählerin wurde von einem anonymen Auftraggeber engagiert, wahrscheinlich einem jener Konzerne, die die Bassins benötigen, sich bei Le Moulin einzuschleusen. Sadie ist eine abgebrühte, skrupellose Ex- FBI-Agentin. Ihre Chefs geben ihr häufig die Anweisung, Mitglieder der von ihr infiltrierten Gruppe dazu anzustiften, ein Verbrechen zu begehen, um eine Handhabe zu haben, sie zu verhaften. Sadie ist in der Unterwanderung von Gruppen vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie kein Problem damit hat, Sex mit einflussreichen Gruppenmitgliedern zu haben – sogar dann, wenn sie diese Männer verabscheut.

Mit dieser zynischen Haltung blickt sie auch auf die Moulinisten, was auch komische Züge annehmen kann. Zum Beispiel, als sie zu Nadja ins Auto steigt. Diese ist eine Ehemalige, die Pascal aus der Gruppe hinausgeworfen hat.

Obgleich alle Fenster unten waren, herrschte in ihrem Auto ein ausgeprägt landwirtschaftlicher Geruch, wimmelnd und mikrobisch. Auf der Rückbank stapelten sich Milchkästen voll schlaffen Gemüses, feuchter Salatblätter mit braunen, gallertartigen Rändern und verfaulter, eingefallener Melonen.

Ich nahm einen schlammverkrusteten Stiefel vom Boden der Beifahrerseite und legte ihn nach hinten.

»Du findest das hier unordentlich? Warte, bis du meinen Kofferraum siehst!«

Beim Gangeinlegen würgte sie den Wagen ab, startete ihn neu und dann noch einmal, ohne zu merken, dass der Motor schon lief.

Beim Losfahren ließ sie die Kupplung zu schnell kommen. Sie war im dritten Gang statt im ersten. Der Wagen machte einen Satz nach vorn, der Motor klopfte. Sie bemerkte ihren Fehler, schaltete in den ersten Gang herunter und brachte dabei den Motor auf maximale Drehzahl. Sie schaltete aus Versehen in den fünften, sodass der Wagen stotterte, dann zurück in den ersten, worauf der Motor kreischte.

Sie fand den dritten Gang wieder. Wir waren unterwegs.

Nadja lebt mit einem Schwein (das in ihrem Kofferraum) zusammen und berichtet Sadie stolz, dass sie in der „zone à defendre“ mitgekämpft hat. Sie wettert über Pascale, der sich wie ein kleiner Gott aufführe und über die vielen Widersprüche in der Gruppe, die häufig anders predigt als sie handelt: zum Beispiel, verbünden sich Le Moulin mit reaktionären Bauern, die ihre Überzeugung „zurück zur Natur“ überhaupt nicht teilen. Auch gibt es privilegierte und weniger privilegierte Mitglieder; zu letzteren gehören vor allem Frauen, die für die Kinderbetreuung und die Ausführung von Handlangerarbeiten zuständig sind.

Spannend fand ich, mitzuverfolgen, dass Sadie Bruno im Laufe der Handlung in vielen Punkten zustimmt und zumindest in bestimmten Bereichen einen Sinneswandel zu durchlaufen scheint. Wahrscheinlich hat mich das Ende deshalb etwas enttäuscht. Da wäre mehr möglich gewesen, zum Beispiel, wenn es zu  in einer direkten Begegnung mit Bruno gekommen wäre.

Trotzdem kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich für gesellschaftlich brisante Themen wie Zivilisationskritik verbunden mit der Idee „zurück zur Natur“, Umweltaktivismus sowie der Kritik an staatlichem Handeln interessiert.

 Die Handlung ist in kurze, gut verdauliche Kapitel eingeteilt und entfaltet nach und nach einen Sog, das man erfahren möchte, wie es weitergeht. 

Fazit

Ein ungewöhnlicher Spionageroman mit einer abgründigen Hauptfigur. Dieser thematisiert gesellschaftlich brisante Themen und zieht seinen Sog aus daraus, was mit Sadie geschieht und ob sie ihr Leben ändern wird.

                                  . 5 von 7 Punkten.

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