Stefan Schwarz – Bis ins Mark

Witzig, tiefsinnig und bewegend – der Autor Stefan Schwarz erzählt von seinem Kampf gegen den Krebs!

Klappentext

Mit Mitte fünfzig bekommt Stefan Schwarz Krebs. Besser gesagt, der Krebs bekommt ihn. Denn Schwarz ist erfahren im Umgang mit existenziellen Verwerfungen. Er beginnt, sein Leben aufzuräumen, und macht dabei überraschende Entdeckungen. Auch legt er die Hast ab, die wir alle in unserem Alltag kennen, den ständigen Druck, mit irgendetwas fertigwerden zu müssen und besinnt sich auf die Langsamkeit, den Moment.
Von all dem erzählt Stefan Schwarz mit großer Klarheit – und mit seinem einzigartigen Humor, in dem eine ganze Lebensphilosophie steckt. Ruhig, tief und mit wohltuender Selbstironie blickt er auf sein Dasein; innerlich frei und doch um Zukunft kämpfend, schreibt er über das mögliche Ende und das damit verbundene Aufwachen: »Das ist doch der ganze Sinn von Krebs. Dass man aufhört, sich und anderen was vorzumachen, dass man innehält, dass man aufwacht und sich die Augen reibt.«

Meine Meinung

Heute stelle ich euch ausnahmsweise keinen Roman vor, sondern ein autobiografisches Buch, das sich wie ein Roman liest – sogar wie ein spannender. Der Journalist und Schriftsteller Stefan Schwarz erzählt uns mit feinem Humor, wie er den Kampf gegen den Krebs aufnimmt und erkennt, dass er sein Leben ändern muss. 

Stefan Schwarz schildert in „Bis ins Mark“ weitgehend chronologisch von seinen Erlebnissen ab dem Zeitpunkt, als er die Diagnose „unheilbar an Knochenmarkkrebs erkrankt“ erhalten hat. Dabei verknüpft er die Stationen seiner Therapie geschickt mit Ereignissen aus seiner Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart. Durch diese Erzählweise erhalten wir tiefe Einblicke in private Konflikte in seiner Familie, seine Verhaltensmuster und seine Rolle als Vater und Ehemann. Was als langweilige Analyse seines Lebens oder als deprimierenden Leidensweg beschrieben sein könnte, erweist sich beim Lesen als Entdeckungsreise. Der Autor versetzt uns immer wieder in konkrete Situationen, in denen seine Wut, seine Ohnmacht und die Verzweiflung spürbar werden, doch er schildert es mit so viel Humor, dass das Lesen trotz der Schwere des Themas viel Spaß bereitet. Mit amüsanten Vergleichen und einem einzigartigen Wortwitz nimmt er dem Thema Krebs immer wieder  seine Wucht, ohne es zu bagatellisieren. 

Herrlich sind seine Personenbeschreibungen, zum Beispiel die der jungen Medizinstudentin, die ihm im Krankenhaus einen Halskatheter legt: Sie kommt aus Bayern und sieht so frisch aus, als wenn sie gerade eben im Morgentau mit zwei Milcheimern am Tragjoch über die Alm gestiefelt wäre. Flachsblondes Haar, das sie sich in zwei dicken Zöpfen über den Kopf nach hinten geflochten hat, lustige Sommersprossen und eine Haut, die noch nie einen Pickel gesehen hat und auch nie sehen wird. Kosmetikfirmen hassen solche Menschen.

Die junge Studentin und die nur wenig ältere Ärztin bestehen im Anschluss darauf, dass ihren Patienten im Rollstuhl zu einer Untersuchung zu fahren, obwohl sich Schwarz durchaus in der Lage fühlt, zu gehen wie jeder andere „normale“ Mensch auch. Das erklärt er den Frauen mehrmals, woraufhin diese nachgeben und ihn darauf hinweisen, dass er im Fall eines Sturzes nicht versichert ist. Schwarz reflektiert die Situation folgendermaßen:

Ja, ich weiß – und akzeptiere! – , dass man im Laufe eines Männerlebens unaufhaltsam aus dem Interesse junger Frauen entweicht. Erst siezen sie einen, dann zieht so eine unangenehme Sachlichkeit ins Gespräch ein, als wäre man kein Mann mehr, sondern nur noch eine Auskunftei, dann übersehen sie einen -völlig – und als Letztes schieben sie einen im Rollstuhl irgendwohin, damit man nicht im Weg rumliegt. Deswegen ging ich zu Fuß. Nicht, weil ich ein alter Schwerenöter bin, sondern, weil ich ein Zeichen setzen will: Hier geht ein Mann!

Nicht nur ältere Männer und Frauen werden diesen Gedankengang nachvollziehen können.

Neben dem Humor steht der Text auf einer zweiten Säule: Authentizität. Als ihn die Krankenhauspsychologin kurz nach der Diagnose nach seinem Befinden fragt, erwidert er, es gehe ihm gut. Den Lesern erläutert der Autor, dass es seinem Vater nach dem ersten Schlaganfall auch gut ging. Natürlich lässt sich die Psychologin damit nicht abspeisen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass Schwarz Ohnmacht und Wut schon sein Leben lang begleiten, nicht erst angesichts der tödlichen Diagnose. Er erkennt, dass er den Krebs nur besiegen kann, wenn er die Baustellen in seinem Leben angeht. Dabei geht es u.a. um die Beziehung zu seinen Eltern und zu seiner Frau, seinen Hang zum Hypochonder und um seine gesamte Einstellung zum Leben, das von Hektik und der Erreichung von Zielen geprägt war und wenig Zeit zur Entspannung ließ.

Mit am besten im gesamten Buch gefällt mir die Stelle, als er während der dreiwöchigen Stammzellentherapie lernt, die Dinge langsam und bewusst zu tun. Anlass sind die vielen Schläuche, mit denen er durch den Katheter verbunden ist, weil er ununterbrochen mit Schmerzmitteln und Medikamenten behandelt werden muss. Diese Schläuche verheddern sich nämlich regelmäßig beim Gang auf die Toilette, wenn er nicht sorgfältig darauf achtet, seine Bewegungen zu koordinieren. Im Umgang mit ihnen lernt er, langsamer und bewusster zu handeln.

Nicht jede Pointe und jedes Kapitel haben mich begeistert und mit einigen Passagen konnte ich wenig anfangen, aber mein Gesamteindruck von „Bis ins Mark“ ist uneingeschränkt positiv. Zum Abschluss dieser Rezension zitiere ich einen längeren Ausschnitt aus dem Buch, der zeigt, wie detailliert und liebevoll Schwarz die Charaktere beschreibt, mit denen er zu tun hat.

Der Uni-Ober-Fach-Onkologe für meinen Krebs ist im Urlaub, wie uns ein hoch aufgeschossener Doktor in einem äußerst charmanten osteuropäischen Akzent mitteilt, nachdem er uns aus dem Wartezimmer abgeholt hat. Aber er würde die Auswertung der Knochenmarkpunktion mit uns machen, auch wenn er nicht der Spezialist sei. Da hat sich das Mitkommen für meine schwer slawophile Frau ja schon mal gelohnt. Der Doktor hat einen jungenhaften Charme, und wenn er spricht, hört man, wie bei allen Slawen, wie freundlich und versöhnlich Deutsch eigentlich klingen könnte.

Der Doktor sagt, dass er schon mal was von mir gelesen hätte. Ich frage vorsichtig, ob es ihm gefallen hat, denn das könnte über ganze Behandlungslinien entscheiden: ob man ein Lieblingsautor des Arztes ist oder nur Schund schreibt und also weg kann. Weiche Triage.

Ja, sehr sogar, sagt er, es sei ihm sogar eine Ehre, mich heute zu unterweisen.

Uff! Glück gehabt!

Und dann malt er auch noch.

Wir sitzen wie zwei Lausbuben im Zimmer des Schuldirektors vor einem Tisch, und er holt ein Blatt hervor, nimmt einen Filzstift und kritzelt etwas drauf.

»Sehen Sie, das ist ihr Knochenmark«, sagt er und malt ein längliches Rechteck. »Das Knochenmark ist wie eine Kaserne, wo die Soldaten ausgebildet werden. Die Soldaten sind die Immunzellen. Wenn sie ausgebildet sind, werden sie in den Kampf geschickt.«

Er malt kleine Kreise, die das Rechteck verlassen.

»Und irgendwo hier in der Kaserne ist ein General.«

Er malt einen großen Stern ins Rechteck unter die kleinen Kreise.

»Der General bildet die Soldaten aus. Und dieser General …«

Er krakelt auf dem Stern herum.

»… ist verrückt geworden! Völlig durchgedreht! Und er schickt jetzt lauter unausgebildete Soldaten in den Kampf, unreife Zellen.«

Er kritzelt und krakelt ein paar Dutzend unförmige Amöben neben die kleinen braven Kreise.

»Und die machen das ganze Immunsystem verrückt.«

Ich war bei der Truppe. Ich weiß, was los war, wenn die Rekruten kamen. Leute, die sich auf dem Schießstand mit der geladenen Waffe nach mir umdrehten, um irgendwas zu fragen. Wenn man mit denen so in den Krieg gezogen wäre, na halleluja!

»Das ist Ihr Krebs!«

Es gibt dicke Bücher über das Multiple Myleom. Jahrelange Studien, Doktorarbeiten. Konferenzen. Aber hier ist mal das ganze Fachwissen zusammengefasst auf einem Blatt mit allerliebstem Gekrakel. Der Doktor schiebt die Kappe auf seinen Filzstift und schaut uns fröhlich an. Wir sollten alle mehr krakeln.

Fazit

Stefan Schwarz beschreibt anschaulich, humorvoll und sehr persönlich, wie er mit dem Tod gerungen und dabei gelernt hat, das Leben neu anzugehen – und wie er lernte, nicht zu verzweifeln. Ein in jeder Hinsicht lesenswertes Buch.

                                                6 von 7 Punkten.

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