Klappentext
Als David Child wegen Mordes verhaftet wird, wendet sich das FBI an Strafverteidiger Eddie Flynn. Er soll Child vertreten und dazu bringen, als Zeuge gegen eine skrupellose Anwaltskanzlei auszusagen, die. In Verdacht steht, an einem globalen Betrug beteiligt zu sein. Eddie bleibt keine Wahl, denn das FBI erpresst ihn mit belastenden Unterlagen über seine Ehefrau Christine, die ihre Unterschrift ahnungslos unter ein brisantes Dokument gesetzt hatte. Als er Child zum ersten Mal trifft, weiß er, dass der Mann unschuldig ist, auch wenn die Beweise gegen ihn überwältigend scheinen. Er muss einen Weg finden, Childs Unschuld zu beweisen und gleichzeitig seine Frau zu schützen – nicht nur vor dem FBI, sondern auch vor der Firma.
Meine Meinung
Auch in seinem zweiten Fall wird der Anwalt und ehemalige Betrüger Eddie Flynn vor eine unmögliche Aufgabe gestellt. Um seiner Frau eine 25-jährige Haftstrafe zu ersparen , muss er die Unschuld seines Mandanten beweisen, an dessen Schuld kein Zweifel zu bestehen scheint.
Wie in Band 1 macht es auch hier wieder den besonderen Lesereiz aus, wie Eddie seine jeweiligen Gegner (Richter, Staatsanwälte, FBI, CIA usw.) austrickst. Es gelingt ihm mit einer Mischung aus juristischen Kniffen, persönlicher Raffinesse und seinen Fähigkeiten als Taschendieb und Betrüger. Und er kann die Hilfe von früheren Weggefährten in Anspruch nehmen. Besonders gut gefallen hat mir ›die Eidechse‹, die von sich selbst immer nur in der dritten Person spricht und mit Waffen aller Art umzugehen weiß. Ich vermute, dass nicht alle juristischen Manöver einer harten Überprüfung standhalten würden, aber es machte eine Menge Spaß, sie zu lesen.
Die Handlung ist durchweg spannend. Bereits im ersten Kapitel entdeckt Eddie Flynn, dass jemand mitten in der Nacht in sein Büro eingebrochen ist. Er entschließt sich, nachzusehen und findet folgende Situation vor:
Die Tür zu meinem Büro stand weit offen. Im Eingang sah ich einen Mann mit dem Rücken zum Flur. Ein weiterer Mann mit einer Taschenlampe leuchtete in die oberste Schublade meines Aktenschranks. Der Mann, der mit dem Rücken zu mir stand, hatte einen Kabelkopfhörer im Ohr. Ich sah das durchsichtige Kabel, das in seiner schwarzen Lederjacke verschwand. Er trug Jeans und Stiefel mit dicker Sohle. Eine Strafverfolgungsbehörde, aber sicher nicht di Polizei. Derartige Ohrhörer gehörten beim NYPD nicht zur Standardausrüstung, und die meisten Beamten wollen die hundert Dollar nicht lockermachen für das Privileg, cool auszusehen. Der FBI-Etat reichte für einen Kabelkopfhörer pro Agenten, aber das FBE hätte einen Mann im Eingangsbereich postiert, und sie hätten sich nicht die Mühe gemacht, die Münze an ihren Platz zurückzulegen. Doch wenn es nicht Polizei oder FBI war, wer dann? Die Tatsache, dass sie securitymäßigmäßig ausgestattet waren, machte mich nervös. Das hieß, sie waren organisiert. Es waren nicht ein paar Cracksüchtige, die sich rasch ein paar Dollars verdienen wollten. Ich kroch die letzten Stufen auf allen vieren nach oben. Ich hörte, wie Männer miteinander flüsterten, aber ich verstand nichts. Der Mann mit der Taschenlampe in meinem Aktenschrank hatte nichts gesagt. Es musste weitere Personen im Raum geben, die ich nicht sah. Als ich näher kam, wurden die Stimmen deutlicher.
»Schon was gefunden?«, fragte jemand.
Der Mann schloss die Schublade und zog die nächste auf.
»Nichts, was einen Bezug zur Zielperson hat«, sagte er, während er eine Akte auswählte, aufklappte und mithilfe der Taschenlampe zu lesen anfing.
Zielperson.
Das Wort traf mich wie ein Schock und setzte Adrenalin frei. Meine Nackenmuskeln spannten sich, und mein Atem ging schneller.
Sie hatten mich nicht gesehen.
Ich hatte zwei Optionen: mich hier herauszuschleichen, in mein Auto zu setzen und die ganze Nacht wie ein Irrer zu fahren, um dann vom Nachbarstaat aus die Polizei anzurufen. Oder aber in das erste Taxi zu springen, das ich sah, und mich zu Richter Harry Fords Wohnung auf der Upper East Side bringen zu lassen, um von Harrys sicherer Couch aus der Polizei mitzuteilen, was los war. Beide Möglichkeiten waren vernünftig und klug und enthielten so gut wie kein Risiko.
Aber so war ich nun mal nicht.
Ich stand geräuschlos auf, hielt die rechte Faust unters Kinn und stürmte auf die Tür zu.
Eine der Stärken des Thrillers besteht darin, dass der Autor sich die Zeit nimmt, die Charaktere der Gegenspieler markant herauszuarbeiten. Vor allem die Richter und Staatsanwälte, mit denen er zu tun hat. Diese tendieren in der Handlung dazu, ihre Macht über Gebühr auf Kosten anderer auszunutzen, was womöglich sogar realistisch ist. Dadurch treten auch die Charaktere deutlicher hervor, zum Beispiel der sexistische Staatsanwalt Zader, der sich als Hardliner präsentieren will, um politisch Karriere zu machen. Oder Richter Knox, dem es bei seiner Arbeit vor allem wichtig ist, früh fertig zu werden, damit er am Nachmittag Golf spielen kann. Er hasst es auch, wenn sich jemand ohne seine Erlaubnis in seinem Büro hinsetzt.
Als Eddie sich mit dem Anwalt Gerry Sinton darüber streitet, wer von ihnen den Milliardär vertreten darf, bittet Richter Knox sie in sein Büro zu einem Gespräch.
Gerry seufzte frustriert und setzte sich in einen der schönen Ledersessel gegenüber von Knox‘ Schreibtisch. Außer uns beiden war niemand im Raum. Er sprach kein Wort, saß nur da und ignorierte mich. Er war noch nie vor Knox erschienen und wusste nicht, dass der Richter wahrscheinlich einen Infarkt bekam, wenn er ohne Erlaubnis in diesem Sessel Platz nahm.
Ich sah die Chance für meinen ersten Schachzug und beschloss, den Mund zu halten. …
Als die Tür aufging, stand Gerry auf, dann setzte er sich wieder, gleichzeitig mit Knox. Ich sah den Blick. Die richterliche Stirn legte sich in Falten, und Knox‘ Zähne bissen auf die Unterlippe.
»Meine Herren, ich mag es nicht, wenn Anwälte in meinem Gerichtssaal streiten. Das gehört sich nicht. Wenn Sie streiten wollen, dann tun Sie es, wenn ich Ihren Fall aufrufe. Nun, wo liegt das Problem? Mr Flynn ist in meiner Prozessliste als Rechtsbeistand für Child aufgeführt. Also, worum geht es, Mr. Sinton.«
Sinton holte eine umfangreiche Vereinbarung aus seiner Aktentasche und legte sie ehrerbietig vor den Richter. Dann richtete er sich ein wenig auf und öffnete sein Jackett. Sein Ton veränderte sich, als er zu dem Richter sprach, er war heller, wärmer.
Im Folgenden erklärt Sinton dem Richter, dass der Milliardär eine Vereinbarung mit seiner Kanzlei unterzeichnet hat, nach der diese ihn in allen Rechtsfragen vertritt. Sinton wirft Eddie Flynn vor, eine existierende Anwalt-Klient-Beziehung verletzt zu haben.
Sinton lehnte sich zurück, schlug seine langen, kräftigen Beine übereinander und legte die Hand behutsam in den Schoß. Sein Vortrag war geschliffen, seine tiefe Stimme klang, als würden Kiesel in einen mit Samt ausgekleideten Hut fallen. … Von dem kalten Vollstrecker war nichts mehr übrig. Richter Knox überflog die relevanten Abschnitte, schließlich ließ er das Papier auf seinen Schreibtisch fallen, rieb sich das Kinn und sah zu mir. …
»Was sagen Sie dazu, Mr Flynn? Haben Sie dieses Schriftstück gelesen?«
»Nein«, sagte ich. … »Mr Sinton war nicht hier, als Mr Childs Fall aufgerufen wurde. Ich schon. Ich sprach mit Mr Child, und er flehte mich praktisch an, ihm zu helfen. Er unterschrieb eine Vereinbarung mit mir, und einer der Wachleute bezeugte die Unterschrift. Was wäre gewesen, wenn Mr. Childs Anhörung stattgefunden hätte, ohne dass Mr. Sinton zugegen war? Das würde ich als eine ungenügende anwaltliche Vertretung ansehen. Man muss schon tatsächlich anwesend sein, um seinen Mandanten zu vertreten.«
Der Richter warf Sinton einen bösen Blick zu. Er hasste es, wenn sich jemand in seinem Gericht verspätete. Wenn man zu spät kam, hatte man verloren, ganz einfach.
An diesem Punkt neigt sich die Waage zu Eddies Gunsten, denn er fordert Sinton auf, seinen „Arsch“ aus dem Sessel zu nehmen, und am Ende darf Eddie seinen Mandanten behalten.
Als einzige Kritik an dem Roman möchte ich den Hintergrund-Plot nennen. In der Nachschau wirkten entscheidende Punkte des Plots – welche, kann ich nicht sagen, weil ich sonst große Teile der Handlung verraten würde – wenig glaubwürdig. Aber ich möchte dies nicht überbewerten, weil es mich während des Lesens überhaupt nicht gestört hat, sondern mir erst im Nachgang aufgefallen ist.
Fazit
Für mich gehört die Eddie-Flynn-Reihe von Steve Cavanagh aktuell zum Besten, was dieses Genre zu bieten hat. Hochspannung pur mit starken Figuren und gut inszenierten Plottwists. Absolut lesenswert.

