Torsten Weitze – Sturmfels-Akademie Band 1: Der Turm der Bettler

Das Kohlenmädchen Niri kämpft an der Sturmfels-Akademie um ihre Magie und ihren Platz im Leben.

Klappentext

Als Niris Oheim stirbt, bleibt das Kohlenmädchen plötzlich mittellos und allein auf den Straßen Hellhalls zurück.
Und was ihre ohnehin vertrackte Lage noch verschlimmert: Sie ist zur Hälfte eine Aeldae, also ein Mitglied jenes Volkes, das die Menschen der Splitterlande vor Jahrhunderten versklavt hatte.
Verstoßen und gejagt, bleibt ihr nur eine besondere Münze als Hoffnungsschimmer, welche ihr Einlass verschaffen kann in die allseits berühmte Sturmfels-Akademie, dem anerkannten Zentrum der magischen und martialischen Ausbildung in den Splitterlanden.
Doch ihre Freude währt nur kurz, als sie erfährt, dass die Münze ihr lediglich Zutritt zum Turm der Bettler verschafft. Will sie irgendetwas lernen, muss sie dafür zahlen.
Und so schweifen ihre verzweifelten Blicke zu den Ruinen am Fuße der Sturmfelsen hinab, in der Hoffnung, dort Reichtum und damit eine Zukunft für sich zu finden…

Meine Meinung

Schon im ersten Kapitel zeigt uns der Autor, mit welchen Problemen die 16jährige Niri zu kämpfen hat. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt, und sie muss noch eine Fuhre Kohlen an einen reichen Kunden ausliefern, obwohl sie sich abends nicht mehr auf den Straßen aufhalten darf. Aufgrund ihrer Armut hat Niri einen niedrigen Status in der Gesellschaft von Hellhall, und sie ist Halb-Aeldae. Niri versucht, ihre Herkunft vor allem vor den Malkariten  zu verbergen, denn diese strenggläubigen Anhänger des Gottes Malkar hassen die Aeldae.

An diesem Tag begegnet Niri mit ihrem Karren ausgerechnet einer Malkaritin. Diese begleitet sie misstrauisch zum Haus von Meister Funkenflamm, um zu überprüfen, ob sie tatsächlich Kohlen an ihn ausliefert. 

Niri verfluchte ihr Pech, dass ausgerechnet der grantige Majordomus zu dieser späten Abendzeit öffnete. Der Mann war schon an seinen besten Tagen unausstehlich gegenüber jenen, auf die er herabsehen konnte.

»Komm morgen wieder«, sagte er bissig. »Oder besser noch: Komm gar nicht wieder.«

Die Malkaritin schob sich ins Licht der Fackel und der Diener schreckte einen halben Schritt vor ihr zurück. »Du kennst dieses Kohlenkind?«

»Leider. Nora heißt sie wohl, das Mündel des Kohlenhändlers Vasdram«, gab er zur Antwort. Niri malte ob ihres falsch ausgesprochenen Namens lautlos mit den Zähnen. »Beide sind Taugenichtse, edle Herrin, die dem guten Meister Funkenflamm das sauer verdiente Gold mit ihrer minderwertigen Ware aus der Tasche lügen …«

»Genug«, sagte die Glaubensfrau und unterstrich das Wort mit einem Ruck ihres Hammers, dessen gekrümmter Kopf gegen den Torbogen prallte. »Es besteht ein Pakt zwischen deinem Herrn und dem Eigentümer dieser Kohlen?«

Der Majordomus nickte zögerlich. Dabei sah er Niri an, als wolle er ihr an den Kragen gehen.

»Dann ehre diese Vereinbarung oder durchtrenne sie mittels vergossenen Blutes.«

Die Worte der Malkaritin ließen Niri unwillkürlich ›eintauchen‹.

(Eine Herausforderung, mit der Niri zu kämpfen hat, ist das „Eintauchen“, bei dem sie für mehrere Sekunden erstarrt und sich nicht bewegen kann. Dies geschieht immer dann, wenn sie große Angst empfindet.)

Ihre Hand hatte zu dem schäbigen Messer an ihrem Gürtel gleiten wollen, aber erneut fand sie sich im eisigen Würgegriff ihrer Angst wieder und konnte keinen Finger rühren.

Stattdessen beobachtete sie den alten Diener genau, sah, wie dessen Finger ganz leicht zuckten, als stellte er sich vor, wie sie Niri die Luft abschnürten. Das Gesetz Malkars war ebenso streng wie einfach: Jedwede Vereinbarung zwischen Bewohnern seines Reiches war bindend, bis sie entweder einvernehmlich oder mittels eines traditionellen Kampfes zwischen zwei Streitern der jeweiligen Parteien beendet wurde.

Der Majordomus zögerte. »Kann ich unseren Eidbrecher holen lassen?«, fragte er die Glaubensfrau.

Niri brach der Schweiß aus und sie atmete keuchend auf, als sie die Oberfläche der Angst durchbrach und der Effekt des ›Eintauchens‹ ihren Körper endlich freigab. Der alte Mann wollte sie wirklich loswerden! Jedes Haus, das etwas auf sich hielt, beherbergte einen Eidbrecher, eine Person, die so versiert in der Kunst des Kampfes war, dass er oder sie in Streitfragen die Interessen des Haushalts vertrat. Malkars Reiche wimmelten daher von gut ausgerüsteten und ausgebildeten Kriegern, ganz so wie es dem Karmesinroten Gott, wie Malkar auch genannt wurde, gefiel.

»Nein«, kam die schneidende Antwort der Frau im Kettenhemd. »Nicht dein Herr will die Verbindung lösen, die er mit dem Oheim des Mädchens hat, sondern du. Also ist es dein Kampf allein. …« Sie sah ihn unter ihrem Helm heraus an, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. »Eid oder Blut. Entscheide dich.«

Niri fasste den Griff ihres Dolches fester und sah durch die verdreckten Haarsträhnen hindurch zu dem Mann empor, der offensichtlich hin- und hergerissen war, ob er seinen Stolz hinunterschlucken oder einen Kampf mit einem drahtigen Mädchen riskieren sollte.

»Lad schon deine Kohlen ab«, knurrte der Majordomus grimmig und fischte einen kruden Schlüssel von einem Haken direkt bei der Tür. Damit schloss er die Luke auf, hinter der sich die Kohlerutsche verbarg.

Niri mühte sich ab, um ihren Karren vor das Loch zu bugsieren und in die nötige Schieflage zu bringen. Polternd rutschten die schwarzen Klumpen in die Dunkelheit hinab, und es war Niri, als würde gleichzeitig eine ebenso finstre Last von ihrem Herzen gleiten.

Es fällt dem Leser nicht schwer, mit Niri mitzufühlen, und ich habe sie gern auf ihrem weiteren Weg begleitet.

Das Erzähltempo ist eher langsam, und der Autor nimmt sich (wie in allen fünf Büchern der Sturmfels-Akademie) viel Zeit, die Beziehungen von Niri zu ihren Freunden und ihren Feinden darzustellen. Die Themen „Freundschaft und Toleranz“ werden in vielen Facetten anschaulich behandelt, was zu einem Buch  passt, das für Jugendliche ab zwölf Jahren geschrieben ist, aber auch für Erwachsene, die solide Fantasy schätzen.

Zum langsamen Erzähltempo trägt auch die komplexe magische Welt bei, die sich Torsten Weitze ausgedacht hat. Mit Hilfe von ›Sigillen‹ können Menschen zu Göttern werden. Dazu  müssen sie drei Sigillen meistern. Es ist ein überaus komplexes System, weshalb es ein seitenlanges Glossar gibt, wo die vielen magischen Begriffe sowie die Völker und Untervölker der Splitterlande erklärt sind. Es spricht für die Erzählkunst des Autors, dass ich mich in diesem Labyrinth zurechtgefunden habe. Kritisch möchte ich jedoch seinen Hang anmerken, seine Figuren viel zu oft nach ihrer Herkunft zu benennen: „Die Halb-Aeldae blickte sich um“ und ähnliche Formulierungen finden sich dutzendfach nicht nur in Bezug auf Niri, sondern auf nahezu alle Figuren. Das hört sich vor allem dann gestelzt an, wenn das jeweilige Volk einen langen, wenig eingängigen Namen hat.

Mir persönlich war das Tempo zwar an vielen Stellen zu langsam, aber das ist vielleicht Geschmackssache, denn es gibt viele spannende Stellen, und das Finale hat mir gut gefallen, und der zweite Band der Reihe heißt nicht umsonst „Der Turm des Goldes“. Außerdem ist mir Niri so sehr ans Herz gewachsen, dass ich trotz einiger Längen gerne weitergelesen habe. Was sie sympathisch macht, ist vor allem ihr gutes Herz, weshalb ich die Szene wiedergebe, in der sie ihrem treuesten Freund begegnet: dem Taschendrachen Grabbelschnack. Niri wartet im Reichenviertel auf ihren Oheim, als folgendes geschieht:

»Psst. Du da.«

Gereizt sah sie sich um, wer sie da rief. Die Stimme klang weder menschlich noch zwergisch.

»Hier drüben.« Eine hüpfende Bewegung am Rande der kostbaren Kutsche aus Brandeiche fing ihren Blick ein. Der Vogel in dem goldenen Käfig sah in ihrer Richtung und wedelte, hektisch auf und ab springend, mit seinen … Armen? Was für ein Vogel war denn das?

Einer, der mit dir sprechen kann. Also muss es ein magisches Wesen sein, dachte sie nunmehr neugierig und ging nach kurzem Zögern hinüber auf die andere Straßenseite, um einen genaueren Blick auf die seltsame Kreatur im Käfig zu erhaschen. …

»Komm her«, forderte die kleine echsenartige Gestalt sie auf, die noch immer lebhaft winkte. Das Wesen hatte zwei ledrige Flügel, welche sorgsam gefaltet aus seinem Rücken ragten, und ein kupferfarbenes Schuppenkleid. Klug in die Welt hinausfunkelnde pechschwarze Augen saßen in einem schmalen, dreieckig anmutenden Echsengesicht, aus dessen lang gezogenem Maul hin und wieder eine gegabelte gelbe Zunge hervorschnellte. Es besaß vier krallenbewehrte Beine, wobei es die vorderen Extremitäten wie menschliche Arme und Hände einzusetzen wusste. …

»Komm her und lass mich raus«, forderte das Ding Niri auf.

»Was .. was bist du?«, fragte Niri leise. »Und warum sollte ich das tun?«

»Ich«, begann das Wesen, legte sich seine Vorderpranken auf die Brust und breitete dabei seine kleinen Schwingen aus, »bin ein Drache. Und was meine Freilassung angeht, so würde keine gute Seele ein edles Geschöpf wie mich in einem Kerker wie diesem verrotten lassen.«

Niri sah sich um. Jetzt, da ihre Neugier gestillt war, griff die mahnende Hand gesunden Menschenverstandes nach ihr. … »Ich habe genug eigene Probleme, vielen Dank«, sagte sie und löste sich von den Zaunstäben. »Wenn du wirklich ein Drache bist, kannst du dich selbst aus einem läppischen goldenen Käfig befreien.«

»Sagt diejenige, die sich offensichtlich von einem Käfig der Angst gefangen halten lässt.«

Die patzige Antwort traf Niri derart unvermittelt, dass sie in der Bewegung innehielt. »Du hast keine Ahnung, was es heißt, ich zu sein«, sagte sie. Warum diskutierte sie überhaupt mit dieser besserwisserischen Echse?

»Und du steckst nicht in meinen … äh, Schuhen … Schau, wir beide haben mit unserem Schicksal zu hadern. Doch dies bedeutet nicht, dass du keine zehn Herzschläge erübrigen kannst, um mir die Freiheit zu schenken. Oder etwa doch?«

»Ich könnte jede Menge Ärger bekommen«, flüsterte sie. »Man könnte mich ebenfalls einsperren und dann lande ich nicht in einem so schönen Gefängnis wie dem deinen.«

»Aber es ist nicht richtig, dass ich hier drinnen bin«, erwiderte die sprechende Echse flehend. »Auch wenn ich nicht viel über euch Zweibeiner weiß, so sehe ich in deinen Augen, dass du erkennst, dass ich recht habe. Also hilf mir.«

Niri wusste nicht, was sie sagen, geschweige denn tun sollte. »Ich darf dir nicht helfen. Das ist verboten.«

Die kleine Echse stemmte die Hände in die geschuppten Hüften. »Sagt wer?«

»Jeder.«

»Nun, ich sage das nicht. Ich behaupte, du hilfst mir. Und zwar jetzt, bevor der Rüpel von einem Kutscher wiederkommt, der immer gegen meinen Käfig schlägt und mich hungern lässt.«

Niri horchte auf. »Du musst hungern?«, fragte sie mitfühlend. Das nagende, alles andere überlagernde Gefühl bohrenden Hungers war ihr nur allzu vertraut. Vasdram und sie hatten schlimme Zeiten durchlebt und die Zeichen deuteten auf eine weiter Durststrecke hin.

Die flehende Art, wie der kleine Drache sie ansieht, lässt Niris Herz endgültig erweichen. Sie lässt ihn  frei. In diesem Moment ahnt sie nicht, wie wichtig Grabbelschnack für sie noch werden wird. Er ist der erste von ihren sehr verschiedenen Freunden, die sie bis zum Ende des Buches findet und die sie auf ihrem Weg begleiten werden.

Fazit

Niri und ihre Freunde bilden den emotionalen Kern von „Der Turm der Bettler“. Themen wie Freundschaft und Loyalität stehen im Vordergrund und die spannende Handlung. Denn die Helden müssen  nicht nur gegen Monster kämpfen, sondern auch gegen ihre Widersacher in der Sturmfels Akademie.

                                        6 von 7 Punkten

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