Klappentext
Es ist Minas erstes Jahr an der sagenumwobenen Winter Academy, die die Welt davor beschützt, in ewigem Frost zu versinken. Doch alles läuft schief: Ihre Kräfte wollen ihr nicht gehorchen, und Professor Abercroft, ihr Lehrer für Eismagie, macht ihr das Leben schwer. Dann wird Mina an den Hof des bösen Winterkönigs verschleppt. Und ihre einzige Hoffnung ist ihr verhasster Lehrer, der plötzlich am Hof auftaucht. Ist er wirklich, wie alle behaupten, ein Spion des Winterkönigs? Und warum spürt Mina dieses Kribbeln, wenn sie in seiner Nähe ist?
Meine Meinung
Ich schwanke, ob ich den Roman zu den Fantasy-Büchern rechne, was er definitiv ist, oder dem Genre „New Adult“ zuordnen soll, wofür ich mich letztlich entschieden habe. Einmal, weil die Kapitelüberschriften auf ein jüngeres Publikum abzuzielen scheinen und zweitens, weil die Protagonistin in vielen Situationen wie ein Teenie reagiert. Mich hat Minas Naivität an einigen Stellen gestört, aber die mit leichtem Humor gewürzten Beschreibungen und die spannende Handlung haben es mehr als ausgeglichen.
Schon im ersten Kapitel schwebt Mina in Lebensgefahr. Der jüngste und unbeliebteste Lehrer der Akademie, Professor Abercroft, hat Mina befohlen, im Wald Mondblütenbeeren für die Zeremonie zur Wintersonnenwende zu sammeln. Sie sei ein Senior und somit in der Lage, sich gegen die Eisdämonen im Wald zur Wehr zu setzen. Mit 18 Jahren hat sie tatsächlich das Alter eines Seniors, doch im Gegensatz zu allen anderen Schülern, ist Mina nicht als Zwölfjährige in die Winterakademie gekommen, sondern erst vor ein paar Monaten – als ihre magische Begabung erkannt wurde. Minas Problem besteht darin, dass sie ihre magischen Kräfte nicht unter Kontrolle und darüber hinaus Probleme hat, die Zaubersprüche zu wirken, die man ihr auf der Akademie beigebracht hat.
In dem folgenden Textausschnitt möchte ich euch einen Eindruck vom Schreibstil der Autorin und von der Protagonistin und Ich-Erzählerin geben. Wir befinden uns am Ende des ersten Kapitels, und ein Eisdämon hat Mina in die Ecke gedrängt:
Ich hatte mein Kurzschwert fallen lassen. Es lag nur eine Armeslänge von mir entfernt, doch ich hätte mich auf den Eisdämonen zubewegen müssen, um danach zu greifen und das wagte ich nicht. Stattdessen starrte ich auf die eisblaue Kapuze, die das durchscheinende Gesicht des Dämons umrahmte. …
Ich robbte rückwärts von ihm fort.
Nicht mein bester Schachzug. Meine einzige Chance zu überleben, war das Kurzschwert, von dem ich mich ebenfalls immer weiter entfernte. Aber auf meine Instinkte war noch nie besonderer Verlass gewesen.
Der Eisdämon stieß ein erneutes Kreischen aus, und der metallische Geschmack in meinem Mund wurde so stark, dass ich würgen musste.
Kalt. Mir war so schrecklich kalt.
»Bitte«, flehte ich. »Bitte …«
Keine Ahnung, worum ich bat. Der Eisdämon würde ganz sicher nicht von mir ablassen und zurück nach Hause fliegen, um sich dort bei einer Tasse Tee aufzuwärmen.
›Sorry, Mina, das war nur ein Missverständnis. Ich wollte dich gar nicht töten.‹
Nein, diese Kreatur würde erst von mir ablassen, wenn sie jede Wärme und alles Leben, das in mir war, ausgelöscht hatte.
›Bitte, bitte, bitte!‹
Mein Körper bebte unter einem unterdrückten Schluchzen, das ich zurückzudrängen versuchte. So hatte ich mir mein Ende nicht vorgestellt. Ich hatte ihm heroisch entgegentreten wollen. Oder noch besser: Überhaupt nicht. …
»Fluere!«, erklang hinter mir plötzlich eine dunkle Stimme.
Ich riss die Augen auf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Eisdämon seine Gestalt wandelte. Seine Umrisse wurden immer unschärfer, bis er schließlich zu Wasser zerrann, das sanft zu Boden regnete. …
Mir entwich ein ungläubiges Glucksen, als die Anspannung von mir abfiel. Doch die Erleichterung hielt nicht lange an.
»Miss Goodwin?«
»Ja?«
Ich wagte nicht, zu Professor Abercroft aufzusehen, der hinter mir stand. Das würde sicher eine Standpauke geben.
Bevor auch nur die leiseste Hoffnung in mir aufkeimen konnte, ich würde dem entgehen, legte er bereits los.
»Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie mal wieder nicht in der Lage waren, Ihre Gabe einzusetzen?«
»Ja, Sir«, krächzte ich.
Professor Abercroft schnaubte verächtlich.
»Und kann ich ebenfalls davon ausgehen, dass Ihnen auf Ihrer beschämenden Flucht vor dem Eisdämon nicht nur die Mondblütenbeeren, sondern auch Ihre Waffe abhandengekommen sind?«
Das Ende vom Lied: Mina muss bei dem verhassten Professor nachsitzen.
So furchterregend der Professor für Mina ist, ist sie ihm gegenüber dennoch zwiegespalten, weil sie in seiner Gegenwart ständig dieses Kribbeln im Bauch hat – vor allem, wenn er sie berührt. Und er hat Geheimnisse, über die ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen will. Die Anziehung, die Mina für ihn empfindet, ist jedenfalls von Beginn an spürbar, und die Art und Weise, wie die Autorin, die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren gestaltet, dürfte dem Zielpublikum gut gefallen. Mir hat es an einigen Stellen nicht ganz eingeleuchtet, aber insgesamt war es für mich stimmig, da der Professor keine einfache Persönlichkeit ist.
Beide Hauptfiguren haben ihre Macken, und das kann einem manchmal auf den Nerv gehen. Abercroft ist zwar genial und ein überragender Zauberer, aber vor allem ist er mürrisch und eigensinnig. An einigen Stellen habe ich sein Verhalten in Bezug auf Mina auch im Nachhinein nicht verstanden. Es ist wahrscheinlich Geschmackssache, ob man Minas Naivität und ihre mangelnden Fähigkeiten, ihre Gabe einzusetzen süß oder nervig findet. Für mich war es aber insgesamt in Ordnung, und ich habe mit den beiden mitgezittert, denn sie müssen einiges durchmachen.
Durchweg gut haben mir die Landschaftsbeschreibungen und der Stil der Autorin gefallen.
Bei dem Vergleich mit „Harry Potter“ gehe ich aber nicht mit. Die Winter Akademie-Reihe kann meiner Ansicht nach nicht mal annähernd mithalten, Schon die Masse der Charaktere auf Hogwards und in der „realen“ Welt und die vielfältigen Handlungsstränge und Figurenentwicklungen machen die Bücher von J.K. Rowling ungleich komplexer und vielschichtiger.
Fazit
Die Erbin des Mondsteins von Karolyn Ciseau ist ein gelungener Auftakt in diese New Adult Fantasie-Reihe um die junge Mina und ihren mürrisch eigensinnigen Schwarm Abercroft. Vor allem die jüngere Leserschaft dürfte sich gespannt auf Band 2 stürzen.


