Klappentext
Franz Escher wartet auf den Elektriker. Seine Steckdose hat einen Wackelkontakt. Um sich die Zeit zu vertreiben, liest er ein Buch über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo. Elio sitzt im Gefängnis und wartet auf die Entlassung. Er hat so viele Leute verraten, dass er um sein Leben fürchtet. Aus Angst liegt er nachts wach und liest ein Buch. Es handelt von Franz Escher. Der wartet auf den Elektriker. Seine Steckdose hat einen Wackelkontakt.
Wolf Haas‘ neuer Roman zündet ein erzählerisches Feuerwerk: Was beginnt wie zwei halbwegs übersichtliche Lebensgeschichten, verwirbelt sich zu einem schwindelerregenden Tanz – mit einem toten Handwerker, familiären Verstrickungen und vielen ungelösten Geheimnissen, funkenschlagend und spannend bis zum finalen Kurzschluss.
Meine Meinung
Der Name des Trauerredners, der zu Beginn des Romans auf einen Elektriker wartet, ist kein Zufall. Autor Wolf Haas versucht in die Literatur zu übertragen, was dem holländischen Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher mit seinen Bildern gelungen ist: nämlich unmögliche Dinge darzustellen. Zum Beispiel Treppen, die unendlich weitergehen oder Hände, die sich gegenseitig zeichnen.
Analog dazu lässt Wolf Haas Franz Escher ein Buch lesen, in der das Leben des Ex-Mafiosos Elio beschrieben ist, der unter dem Namen Marko Steiner in das Zeugenschutzprogramm von Staatsanwalt Falcone aufgenommen wird. Elio alias Marko wiederum liest ein Buch über einen deutschen Trauerredner namens Franz Escher. Das klingt kompliziert, liest sich bei Wolf Haas jedoch federleicht, wenn die beiden abwechselnd die Geschichte des jeweils anderen weiterlesen. Wie bei einem Wackelkontakt werden die Leser von einem Zustand in den anderen gerissen, ohne dabei den Überblick zu verlieren.
Unabhängig davon macht das Lesen von „Wackelkontakt“ auch deshalb Laune, weil der Roman mit Humor und Wortwitz durchsetzt ist. Die Handlung nimmt gleich zu Beginn eine makabre Wendung, weil der unachtsame Franz Escher die Sicherung wieder hineinsteckt, die der Elektriker herausgezogen hat. Der Elektriker kommt zu Tode, wofür offensichtlich Escher verantwortlich ist. Von Schuldgefühlen geplagt, versucht Escher im weiteren Verlauf des Buches, Kontakt zur Witwe des Toten aufzunehmen, um die Trauerrede für ihren Mann zu halten.
Die Eigenheiten der Figuren werden von Haas wunderbar witzig dargestellt, zum Beispiel Elios Bemühungen, die deutsche Sprache zu lernen. Dabei legt er eine beachtliche Geschwindigkeit an den Tag, weil er jede Gelegenheit nutzt, sich Vokabeln zu merken. Als Elio/Marko wegen eines leckenden Benzinschlauchs mit seiner Vespa liegenbleibt, bekämpft er seine Wut durch das Üben von Vokabeln:
Pech haben. Eine Schlappe erleiden. Einen Rückstand hinnehmen. …
Schrottlaube! Rostkarre! Pfuscher! Stümper! Patzer! Dilettant! Quacksalber!
Ähnlich witzig sind die Dialoge:
Als eines Tages eine Frau bei ihm auftauchte, die ein Problem mit ihrem zehn Jahre alten Golf hatte, winkte er gleich ab: »Autos mach ich leider nicht.«
Erstens war es schon Abend, zweitens rührte Marko grundsätzlich kein Auto an, und drittens änderte daran auch die Tatsache nichts, dass diese Frau eine gewisse Ähnlichkeit mit Isa Neri hatte, Falcones’ Assistentin, die zu Markos Leidwesen eines Tages nach Rom gezogen und für immer aus seinen Augen verschwunden war.
»Ich hab nur ein Problem mit der Alarmanlage.«
Viertens mochte er ihre überlegene Art nicht. Selbstbewusst. Siegessicher. Forsch forscher am forschesten. Frech frecher am frechsten. Oder am frechesten?
Fünftens hatte er es noch nie gemocht, wenn eine so dastand, als wäre sie Isa Neri persönlich.
»Autos mach ich leider nicht«, wiederholte er ruhig.
»Die Alarmanlage ist ja eigentlich nicht Auto«, verhandelte sie. »Die ist Elektro.«
Sechstens war bei ihm Endstation, wenn jemand glaubte, ihm erklären zu müssen, was Elektro war.
Er bemühte sich, sie nicht anzuschauen, und fixierte missbilligend ihren Golf. Er musste sich in Acht nehmen. Obwohl sie jünger war als Isa Neri, war ihr Gesicht irgendwie altmodischer. Sie sah ein bisschen so aus, wie früher die Frauen ausgesehen haben. Bei ihm zu Hause. Und sie war auch nicht forsch im eigentlichen Sinn. Sie hatte nur diese Art. Siebtens rührte er noch lange kein Vierrad an, nur weil eine Frau diese Art hatte.
»Nee«, sagte er und wandte sich wieder dem E-Bike zu, das er eigentlich erst am nächsten Morgen fertig machen wollte.
»Nee?«
Er schüttelte den Kopf.
Sie lachte.
Achtens: Auch nicht, wenn eine so lachte.
Ohne von dem Bike aufzusehen, sagte er: »Alarmanlage – bei soner Arbeit wird man verrückt. Ich kann ja gar nicht unten ran. Ich hab keine Grube.«
»Georgi sagt, du kannst alles.«
Neuntens war er für Schmeicheleien noch nie empfänglich gewesen. Nicht einmal dem Boss der Bosse hatte er geglaubt, dass er noch nie so ein Kunstwerk wie die Augenkamera in der steinernen Madonna gesehen hat.
»Georgi?«
»Georgi sagt, du kannst zaubern.«
»Ich kenn keinen Georgi.«
»Na der wird sich freuen, wenn er das hört. Georgi von Teile und Herrsche!«
Es stellte sich heraus, dass sein Kontakt beim Ersatzteilelieferanten Teile und Herrsche Georgi hieß. Für Marko war er nur »office« von Teile und Herrsche, für sie aber war es Georgi, der Bruder ihrer Freundin.
»Meine Freundin sagt, sprich doch mit Georgi. Und Georgi sagt, sprich doch mit Marko Steiner.«
»Georgi heißt der Typ?«
»Die beschissene Alarmanlage macht mich noch verrückt!«
»Wenn ich anrufe, meldet er sich immer mit Hans-Georg.«
»Ja klar, Georgie, Hans-Georg ist doch dasselbe. Nur, dass Georgi nicht so bescheuert klingt wie Hans-Georg.«
»Und wie heißt du?«
Wolf Haas versteht es gut, seine Figuren ohne große Erklärungen für seine Leser plastisch erlebbar zu machen. Noch während dieser ersten Begegnung wird Elio/Marko sich um die Alarmanlage kümmern und dem Auto dabei gut zureden. Es verwundert auch nicht, dass er mit der Frau zusammenkommt, die aussieht, wie Isa Neri und er mit ihr eine Familie gründet.
Ähnlich plastisch charakterisiert der Autor die zweite Hauptfigur: Franz Escher, der ein penibler Grantler, Einzelgänger und Misanthrop ist. Außerdem ist er ein begeisterter Puzzlespieler. GanzeSchränke füllt er mit Puzzeln, die er zum Teil schon zig mal gespielt hat!
In der folgenden Szene möchte er seine Kollegin Nellie dazu bringen der Witwe ihre Dienste als Trauerrednerin anzubieten und den Auftrag dann an ihn weiterzuleiten. Escher will sich der Witwe nicht selbst aufdrängen, die Rede aber unbedingt halten, weil er sich schuldig für den Tod ihres Mannes fühlt. Das Gespräch entwickelt sich jedoch in eine völlig andere Richtung, nachdem er Nellie erzählt hat, dass der Elektriker in seiner Wohnung umgekommen ist.
»O mein Gott!«, rief Nellie aus.
»Hast du in letzter Zeit viele amerikanische Fernsehserien geschaut?«
»Warum?«
»Eigentlich gibt es im Deutschen den Ausruf ›O mein Gott‹ nicht. Es ist eine Falschübersetzung von ›Oh my god!‹ in den Netflixserien.«
Dabei bemühte er sich, ›Oh my gaaad!‹ möglichst idiotisch klingen zu lassen.
»Das stimmt nicht«, erwiderte Nellie Wieselburger. »Ich hab immer schon ›O mein Gott‹ gesagt. Lang vor Netflix. Ich schau sowieso nicht Netflix. Und wenn, würde ich die Originalfassung schauen!«
»Dann hast es eben indirekt aufgeschnappt.«
Die unbeherrschte Wollust, mit der er ihr dieses minderbemittelte ›aufgeschnappt‹ unterjubelte, erschreckte ich. Schließlich wollte er etwas von ihr. Im Bemühen, den Fehler wiedergutzumachen, unterlief ihm gleich der nächste: besserwisserisches Dozieren.
»Wegen der Lippensynchronizität ist es ja nachvollziehbar, dass sie es so übersetzen. Aber im normalen Leben existiert kein ›O mein Gott!‹ im Deutschen. Früher hat niemand ›O mein Gott!‹ gesagt. Kein Mensch! Wenn einem früher etwas Angst gemacht hat, dann hat man ausgerufen ›O Gott!‹ Aber wenn man genervt oder ungehalten war, was eine völlig andere Situation ist, dann hat man ausgerufen: ›Mein Gott‹. Mit Betonung auf Mein. ›MEIN Gott‹. Oder eben, wenn man schockiert war, ›O GOTT!‹ Betonung auf Gott. Aber ›O mein Gott!‹ hat keiner gesagt. Niemand!«
»Mein Gott!«, schnaufte Nellie Wieselburger ins Telefon mit Betonung auf Mein.
Das Experiment von Wolf Haas, Eschers sich selbst malende Hände in den Bereich der Literatur zu übertragen, gelingt absolut. Nicht nur, weil Franz Escher zum Schluss des Romans wieder auf den Elektriker wartet wie zu Beginn des Buches. Es gelingt auch, weil beide Geschichten sich zu einer einzigen vereinen, wobei ich dies hier nicht weiter ausführe, um nicht zu spoilern.
Dies alles geht jedoch zu Lasten des Inhalts, weshalb ich mich am Ende des Buches gefragt habe: Und jetzt? Worum geht es hier eigentlich inhaltlich? Meine Schlussfolgerung lautet: Es ging Wolf Haas wohl tatsächlich um nicht mehr und nicht weniger als darum, Eschers „Unmöglichkeiten“ in die Literatur zu übertragen. Dabei hätte „Wackelkontakt“ durchaus die Möglichkeit geboten, den Tod und das Sterben“ zum Thema zu machen. Die vielen Puzzlebilder, in denen diese Motive auftauchen und das Thema von Nelllies Dissertation, weisen darauf hin. Es wäre auch möglich gewesen, die Ereignisse weitaus dramatischer in Form eines Thrillers zu gestalten, worauf der Autor jedoch verzichtete.
Es ist sicher Geschmackssache, wie hoch man diesen Punkt gewichtet. Aufgrund des wunderbaren Humors halte ich das Buch trotzdem für unbedingt lesenswert.
Fazit
„Wackelkontakt“ ist ein Roman voller Wortwitz und Situationskomik, der durch seine klar herausgearbeiteten Hauptfiguren besticht und den gelungenen Versuch, die „unmöglichen“ Grafiken Eschers in die Literatur zu übertragen.

